Dreiviertel-Bericht vom Juni 2011
‚Nanu, warum ist es denn so still?’, fragte ich mich eines Morgens, als ich in die Schule kam. ‚Es sitzt gar keiner an der Tür und die Putzsachen stehen im Gang.’ Don Orlandos Lächeln war mindestens ebenso verwundert wie mein Blick, als er mir an diesem Montag Morgen um 6:30 Uhr die Tür öffnete: „Wie – haben Sie Dir nicht gesagt, dass heute kein Unterricht ist?“. Nein, mir hatte keiner etwas gesagt. „Warum?“ „Ja, am Freitag war doch der Tag des Lehrers und da am Freitag Unterricht war, hat die Direktorin den Lehrern heute Schulfrei gegeben.“. Ach ja, wie nett von ihr. Und ich habe mich schon die ganze Zeit gewundert, warum die Kinder immer zu mir kommen und mich fragen, ob am Montag Unterricht ist. Natürlich sei Unterricht, warum sollte keiner sein. Montags ist immer Unterricht. Na dann muss ich zumindest Giselle und Paula anrufen und Ihnen wieder absagen.
In Kolumbien gibt es doch immer wieder Überraschungen! Don Orlando hingegen kann kaum glauben, dass wir in Deutschland schon im Juli den gesamten Ferienplan mit allen Feiertagen für das beginnende Schuljahr haben. So ein verrücktes Volk, die Deutschen!
Kein Wunder, dass einem solche Pläne unvorstellbar sind, wenn man daran gewöhnt ist, dass von einem Tag auf den anderen beschlossen wird, dass die Schule ausfällt, weil das Wasser abgestellt wird oder ein Feiertag war und Anfang Juni bekannt gegeben wird, dass im Juli Ferien sind. Und kein Wunder, dass die meisten Kolumbianer kein Geld zum Reisen haben, wenn sie ihre Reisen nicht frühzeitig planen können.
Aber da keiner Ferienpläne macht, ist es auch egal, wann die Termine bekannt gegeben werden. So stört sich niemand an der hiesigen Organisation. Der Alltag funktioniert reibungslos. Nur Julia steht um 5:00 Uhr auf, weil niemand ihr gesagt hat, dass der Unterricht ausfällt.
So ist das, wenn Kulturen aufeinander treffen. Ein Grund, sich zu ärgern? Ach wo, ich wusste ja, dass Kolumbien nicht so sein würde wie Deutschland. Jetzt bin ich immerhin früh aufgestanden und kann den Tag gut nutzen. Arbeit gibt es auch wenn kein Unterricht ist.
Mit diesem Wissen wird sich wohl keiner darüber wundern, dass meine Aufgaben nicht mehr die gleichen sind, wie vor drei Monaten. Unverändert unterrichte ich meine – nach einigen Umstrukturierungen jetzt nur noch 11 – Gruppen in Englisch und Musiktheorie, spiele im Orchester, leite meine Theatergruppe und gebe Juan David Deutschunterricht. Der Englischunterricht in der vierten und neunten Klasse musste jedoch inzwischen dem der sechsten, siebten und achten Klasse weichen und mein Stundenplan hat sich um wöchentlich einen Vormittag in Montebello erweitert. Dort gebe ich zwölf Kindern Geigenunterricht – theoretisch zumindest. Praktisch fand noch nicht viel Unterricht statt. Man muss nämlich wissen, dass die Schule in Montebello noch viel „un“-organisierter ist, als die in Bellavista. Außerdem gibt es in Kolumbien ja immer Überraschungen. So vielen in Montebello vier von sieben Vormittagen aus. Einmal war die ganze Schule in eine Pizza-Backaktivität verwickelt, zweimal fiel aufgrund von Todesfällen die Schule aus und einmal gab es keine Geigen, da diese aus Sicherheitsgründen vor Ferienbeginn nach Cali zurückgeholt wurden. Und jetzt ist bis August Pause, weil erst die Schule in Montebello Ferien hat und dann ich. Es muss also ein kleines Wunder geschehen, damit ich den Kindern noch ihr erstes Lied beibringen kann, bevor ich im September wieder nach Deutschland fliege.
Doch schon die wenigen Male, die ich in Montebello war, haben mich spüren lassen, dass die Situation der dortigen Kinder zu einem völlig anderen Kaliber gehört, als die der Kinder in Bellavista. In Bellavista arbeite ich mit Kindern, die zwar nicht aus reichen Familien kommen, aber zumindest Eltern haben, die sich um sie kümmern. Es sind Stadtkinder aus einem Viertel mit halbwegs befestigten Straßen, Mio (der moderne Stadtbus Calis), relativ sauberem Wasser, Strom und Internet. Diese Kinder kommen in sauberer Uniform in die Schule und funktionieren wie kleine Roboter. Das ist manchmal schon beängstigend zu sehen, wenn 200 Kinder bei der Morgen- bzw. Mittagsversammlung mäuschenstill sitzen und anschließend in geordneten Reihen in ihre Klassenräume gehen, ohne dass auch nur einer aus der Reihe tanzt und auf der linken Seite die Treppe hinunter geht. Und dass sie dort still weiterarbeiten, wenn der Lehrer den Raum verlässt.
Einerseits ist das ein Zeichen vorhandener Struktur, andererseits für Unfreiheit. Die Klassen sind groß, das Personal gering, der Raum unglaublich eng. Alles ist betoniert. Die Räume sind nur halb geschlossen. Von überall dringt Straßenlärm ein. Der Alltag der Kinder ist von morgens bis abends durch Schule, Musikstunden und meinen Unterricht gefüllt. Hier müssen die Kinder funktionieren, damit ein friedliches Miteinander-Leben möglich ist.
Die Schule in Montebello befindet sich in unbefestigtem Gelände. An heißen Tagen ist die Straße staubig, nach Regenfällen verwandelt sie sich in eine Schlammpiste. Sie ist mit Müll gepflastert. Die Flüssigkeit, die mit etwas Glück aus den Wasserhähnen rinnt wechselt ebenfalls gelegentlich die Farbe. Strom gibt es normalerweise, Internet nicht, der öffentliche Verkehr besteht aus klapprigen Jeeps und Kleinbussen. Die Menschen haben kaum Geld und zu viele Probleme, um sich um ihre Kinder zu kümmern.
So kommen die Kinder in schmuddeliger Kleidung, die teilweise viel zu klein oder zu groß ist, in die Schule. Dort sind sie von 7:00 Uhr bis 13:00 Uhr, wovon eine Stunde Frühstückspause und eine Stunde Mittagspause sind. In dieser Zeit können die Kinder auf dem schönen grünen Schulgelände toben und spielen. Allerdings nutzen sie diese Gelegenheit nicht nur in den Pausen, sondern verlassen auch während des Unterrichts nicht selten den Raum und haben dann ihre helle Freude daran, mit den Lehrern Fangen zu spielen – natürlich ungewollt von Seiten der Lehrer. Doch auch wenn sie im Raum bleiben, heißt das nicht zwingend, dass sie arbeiten.
Als während meines zweiten Besuchs die Lehrerin der zweiten Klasse sich einen Moment umdrehte, um etwas von der Tafel abzuwischen, fingen die Kinder an, Flaschendrehen zu spielen und herum zu knutschen. (Mit Knutschen sind wirkliche Zungenküsse gemeint.) Scheinbar ahmten sie die Eltern nach, denn als die Direktorin erschien, um den Kindern zu erklären, dass dies unsittsam und eine Sache verantwortungsbewusster Liebespaare sei, gab es großes Unverständnis und Protest. „Warum dürfen wir nicht, was die Großen dürfen?“, „Die machen noch ganz andere Sachen!“ und „Wir wollen ja gar nicht wissen, was Sie zu Hause mit Ihrem Ehemann machen, Frau Direktorin!“.
So etwas hätten sich die Zweitklässler in Bellavista nicht getraut.
Bei solchen Erlebnissen fragt man sich ernsthaft, aus was für Elternhäusern diese Kinder kommen. Die Antwort will man jedoch manchmal gar nicht mehr wissen, wenn man den Kindern ins Gesicht guckt und einem hinter einem fröhlich-kecken Lächeln traumatische, schockhafte Erfahrungen entgegenspringen. Und doch weiß man, dass es in den Familien teilweise Alkoholprobleme, gewaltsame und sexuelle Übergriffe gibt, dass manche Kinder zu Hause kein Essen bekommen und andere kein Zuhause haben.
Aber welche dieser Kinder brauchen die Musik dringender? Was bringt die Musik den Kindern?
Alle Kinder brauchen die Musik oder eine andere Form künstlerischer Beschäftigung.
Sie brauchen sie als Ausgleich zum Alltagsleben.
In Bellavista brauchen die Kinder Kreativität und neue geistige Perspektiven um durch möglichst vielfältige, freie geistige Entfaltung der räumlichen, körperlichen und sozialen Enge entgegen zu wirken.
In Montebello bietet die Kunst den Kindern Konzentration und Struktur zu erleben. Um ein Instrument zu spielen, braucht es Konzentration und Kontinuität und für das Zusammenspiel mit anderen Wachheit, Rücksichtnahme, Respekt und Verantwortungsbewusstsein.
Genau diese Eigenschaften fehlen den Kindern in Montebello. Sie haben sie nicht gelernt. Und Struktur ist nicht vorhanden. Das macht die Arbeit sehr schwer. Aber es bestärkt auch das Empfinden der Wichtigkeit künstlerischer Beschäftigung für diese Kinder.
Diese Erkenntnisse sind sehr motivierend für meine Arbeit, dafür, mich selber weiterhin künstlerisch zu Betätigen und vor allem die Arbeit von Fundarboledas zu unterstützen.
Ich bin sehr dankbar für all diese Erfahrungen. Viele der Erkenntnisse, die mir mein Freiwilligendienst in Kolumbien ermöglicht, hätte ich auf keine andere Weise gewinnen können.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen