Samstag, 30. Juli 2011

Bilder aus Peru und Bolivien

 Juli 2011

Machu Picchu

Das Alti-Plano
Llama oder Alpaca?







Titicaca-See
Die schwimmenden Inseln
Schilfboot




Juan und Juana
Das Mondtal verliert durch Erosion jedes Jahr 5 cm seiner Höhe...
Blick vom Chakaltaya, Bolivien, 5400m über NN







Im Einklang und Zusammenprall der Kulturen...


Dreiviertel-Bericht vom Juni 2011

‚Nanu, warum ist es denn so still?’, fragte ich mich eines Morgens, als ich in die Schule kam. ‚Es sitzt gar keiner an der Tür und die Putzsachen stehen im Gang.’ Don Orlandos Lächeln war mindestens ebenso verwundert wie mein Blick, als er mir an diesem Montag Morgen um 6:30 Uhr die Tür öffnete: „Wie – haben Sie Dir nicht gesagt, dass heute kein Unterricht ist?“. Nein, mir hatte keiner etwas gesagt. „Warum?“ „Ja, am Freitag war doch der Tag des Lehrers und da am Freitag Unterricht war, hat die Direktorin den Lehrern heute Schulfrei gegeben.“. Ach ja, wie nett von ihr. Und ich habe mich schon die ganze Zeit gewundert, warum die Kinder immer zu mir kommen und mich fragen, ob am Montag Unterricht ist. Natürlich sei Unterricht, warum sollte keiner sein. Montags ist immer Unterricht. Na dann muss ich zumindest Giselle und Paula anrufen und Ihnen wieder absagen.
In Kolumbien gibt es doch immer wieder Überraschungen! Don Orlando hingegen kann kaum glauben, dass wir in Deutschland schon im Juli den gesamten Ferienplan mit allen Feiertagen für das beginnende Schuljahr haben. So ein verrücktes Volk, die Deutschen!
Kein Wunder, dass einem solche Pläne unvorstellbar sind, wenn man daran gewöhnt ist, dass von einem Tag auf den anderen beschlossen wird, dass die Schule ausfällt, weil das Wasser abgestellt wird oder ein Feiertag war und Anfang Juni bekannt gegeben wird, dass im Juli Ferien sind. Und kein Wunder, dass die meisten Kolumbianer kein Geld zum Reisen haben, wenn sie ihre Reisen nicht frühzeitig planen können.
Aber da keiner Ferienpläne macht, ist es auch egal, wann die Termine bekannt gegeben werden. So stört sich niemand an der hiesigen Organisation. Der Alltag funktioniert reibungslos. Nur Julia steht um 5:00 Uhr auf, weil niemand ihr gesagt hat, dass der Unterricht ausfällt.
So ist das, wenn Kulturen aufeinander treffen. Ein Grund, sich zu ärgern? Ach wo, ich wusste ja, dass Kolumbien nicht so sein würde wie Deutschland. Jetzt bin ich immerhin früh aufgestanden und kann den Tag gut nutzen. Arbeit gibt es auch wenn kein Unterricht ist.
Mit diesem Wissen wird sich wohl keiner darüber wundern, dass meine Aufgaben nicht mehr die gleichen sind, wie vor drei Monaten. Unverändert unterrichte ich meine – nach einigen Umstrukturierungen jetzt nur noch 11 – Gruppen in Englisch und Musiktheorie, spiele im Orchester, leite meine Theatergruppe und gebe Juan David Deutschunterricht. Der Englischunterricht in der vierten und neunten Klasse musste jedoch inzwischen dem der sechsten, siebten und achten Klasse weichen und mein Stundenplan hat sich um wöchentlich einen Vormittag in Montebello erweitert. Dort gebe ich zwölf Kindern Geigenunterricht – theoretisch zumindest. Praktisch fand noch nicht viel Unterricht statt. Man muss nämlich wissen, dass die Schule in Montebello noch viel „un“-organisierter ist, als die in Bellavista. Außerdem gibt es in Kolumbien ja immer Überraschungen. So vielen in Montebello vier von sieben Vormittagen aus. Einmal war die ganze Schule in eine Pizza-Backaktivität verwickelt, zweimal fiel aufgrund von Todesfällen die Schule aus und einmal gab es keine Geigen, da diese aus Sicherheitsgründen vor Ferienbeginn nach Cali zurückgeholt wurden. Und jetzt ist bis August Pause, weil erst die Schule in Montebello Ferien hat und dann ich. Es muss also ein kleines Wunder geschehen, damit ich den Kindern noch ihr erstes Lied beibringen kann, bevor ich im September wieder nach Deutschland fliege.
Doch schon die wenigen Male, die ich in Montebello war, haben mich spüren lassen, dass die Situation der dortigen Kinder zu einem völlig anderen Kaliber gehört, als die der Kinder in Bellavista. In Bellavista arbeite ich mit Kindern, die zwar nicht aus reichen Familien kommen, aber zumindest Eltern haben, die sich um sie kümmern. Es sind Stadtkinder aus einem Viertel mit halbwegs befestigten Straßen, Mio (der moderne Stadtbus Calis), relativ sauberem Wasser, Strom und Internet. Diese Kinder kommen in sauberer Uniform in die Schule und funktionieren wie kleine Roboter. Das ist manchmal schon beängstigend zu sehen, wenn 200 Kinder bei der Morgen- bzw. Mittagsversammlung mäuschenstill sitzen und anschließend in geordneten Reihen in ihre Klassenräume gehen, ohne dass auch nur einer aus der Reihe tanzt und auf der linken Seite die Treppe hinunter geht. Und dass sie dort still weiterarbeiten, wenn der Lehrer den Raum verlässt.
Einerseits ist das ein Zeichen vorhandener Struktur, andererseits für Unfreiheit. Die Klassen sind groß, das Personal gering, der Raum unglaublich eng. Alles ist betoniert. Die Räume sind nur halb geschlossen. Von überall dringt Straßenlärm ein. Der Alltag der Kinder ist von morgens bis abends durch Schule, Musikstunden und meinen Unterricht gefüllt. Hier müssen die Kinder funktionieren, damit ein friedliches Miteinander-Leben möglich ist.
Die Schule in Montebello befindet sich in unbefestigtem Gelände. An heißen Tagen ist die Straße staubig, nach Regenfällen verwandelt sie sich in eine Schlammpiste. Sie ist mit Müll gepflastert. Die Flüssigkeit, die mit etwas Glück aus den Wasserhähnen rinnt wechselt ebenfalls gelegentlich die Farbe. Strom gibt es normalerweise, Internet nicht, der öffentliche Verkehr besteht aus klapprigen Jeeps und Kleinbussen. Die Menschen haben kaum Geld und zu viele Probleme, um sich um ihre Kinder zu kümmern.
So kommen die Kinder in schmuddeliger Kleidung, die teilweise viel zu klein oder zu groß ist, in die Schule. Dort sind sie von 7:00 Uhr bis 13:00 Uhr, wovon eine Stunde Frühstückspause und eine Stunde Mittagspause sind. In dieser Zeit können die Kinder auf dem schönen grünen Schulgelände toben und spielen. Allerdings nutzen sie diese Gelegenheit nicht nur in den Pausen, sondern verlassen auch während des Unterrichts nicht selten den Raum und haben dann ihre helle Freude daran, mit den Lehrern Fangen zu spielen – natürlich ungewollt von Seiten der Lehrer. Doch auch wenn sie im Raum bleiben, heißt das nicht zwingend, dass sie arbeiten.
Als während meines zweiten Besuchs die Lehrerin der zweiten Klasse sich einen Moment umdrehte, um etwas von der Tafel abzuwischen, fingen die Kinder an, Flaschendrehen zu spielen und herum zu knutschen. (Mit Knutschen sind wirkliche Zungenküsse gemeint.) Scheinbar ahmten sie die Eltern nach, denn als die Direktorin erschien, um den Kindern zu erklären, dass dies unsittsam und eine Sache verantwortungsbewusster Liebespaare sei, gab es großes Unverständnis und Protest. „Warum dürfen wir nicht, was die Großen dürfen?“, „Die machen noch ganz andere Sachen!“ und „Wir wollen ja gar nicht wissen, was Sie zu Hause mit Ihrem Ehemann machen, Frau Direktorin!“.
So etwas hätten sich die Zweitklässler in Bellavista nicht getraut.
Bei solchen Erlebnissen fragt man sich ernsthaft, aus was für Elternhäusern diese Kinder kommen. Die Antwort will man jedoch manchmal gar nicht mehr wissen, wenn man den Kindern ins Gesicht guckt und einem hinter einem fröhlich-kecken Lächeln traumatische, schockhafte Erfahrungen entgegenspringen. Und doch weiß man, dass es in den Familien teilweise Alkoholprobleme, gewaltsame und sexuelle Übergriffe gibt, dass manche Kinder zu Hause kein Essen bekommen und andere kein Zuhause haben.
Aber welche dieser Kinder brauchen die Musik dringender? Was bringt die Musik den Kindern?
Alle Kinder brauchen die Musik oder eine andere Form künstlerischer Beschäftigung.
Sie brauchen sie als Ausgleich zum Alltagsleben.
In Bellavista brauchen die Kinder Kreativität und neue geistige Perspektiven um durch möglichst vielfältige, freie geistige Entfaltung der räumlichen, körperlichen und sozialen Enge entgegen zu wirken.
In Montebello bietet die Kunst den Kindern Konzentration und Struktur zu erleben. Um ein Instrument zu spielen, braucht es Konzentration und Kontinuität und für das Zusammenspiel mit anderen Wachheit, Rücksichtnahme, Respekt und Verantwortungsbewusstsein.
Genau diese Eigenschaften fehlen den Kindern in Montebello. Sie haben sie nicht gelernt. Und Struktur ist nicht vorhanden. Das macht die Arbeit sehr schwer. Aber es bestärkt auch das Empfinden der Wichtigkeit künstlerischer Beschäftigung für diese Kinder.
Diese Erkenntnisse sind sehr motivierend für meine Arbeit, dafür, mich selber weiterhin künstlerisch zu Betätigen und vor allem die Arbeit von Fundarboledas zu unterstützen.
Ich bin sehr dankbar für all diese Erfahrungen. Viele der Erkenntnisse, die mir mein Freiwilligendienst in Kolumbien ermöglicht, hätte ich auf keine andere Weise gewinnen können.

Aktualisierende Anmerkungen vom Mai 2011



  1. Hat sich mein Aufgabenbereich im Projekt inzwischen schon wieder geändert. Da die neunten Klasse seit einiger Zeit eine amerikanische Englischlehrerin aus dem „Bolivar“ (der teuersten Privatschule Calis, nordamerikanisch, zweisprachig und in Partnerschaft zu meiner Schule stehend) hat, die sie einmal die Woche drei Stunden umsonst unterrichtet, haben wir entschieden, dass es sinnvoller sei, wenn ich in anderen Klassen im Englischunterricht helfe, die nicht das Glück einer ausgebildeten Englischlehrerin haben. Daher unterrichte ich jetzt nicht mehr in der neunten Klasse, dafür aber in der sechsten, siebten und achten Klasse. (Und wie immer in der vierten Klasse)
  2. Wird unsere Internetverbindung von Woche zu Woche schlechter, falls sie den überhaupt vorhanden ist. Dieses Wochenende habe ich zu Hause beispielsweise aus unerfindlichen Gründen mal wieder kein Internet. Diesen Bericht schicke ich von der Arbeit aus. Wenn Internet da ist, kann ich zwar meist Emails verfassen, aber die Verbindung ist zu schwach, um diese zu verschicken. Die Skype-Gespräche werden zunehmend anstrengender, weil man nichts versteht und die Verbindung abbricht. Facebook funktioniert meist noch am besten.
  3. Bin ich in den vergangenen Monaten viel gereist. Im März war ich mit meinem Vater zwei Wochen im Norden Kolumbiens. Das war sehr schön und interessant. Wir haben eine wunderschöne fünftägige Dschungel-Wanderung zu einer „verlorenen (Indianer-)Stadt“ gemacht, die alte Piratenstadt und Perle der Karibik Cartagena besucht und einige Tage auf einer einsamen Insel verbracht – mit Kentern in den Wellen des karibischen Meers, beim Versuch, diese im Kanu zu umrunden. Glücklicherweise waren gerade hilfsbereite kolumbianische Fischer in der Nähe, so das Kanu und Mannschaft heil wieder ans Ufer gelangt sind (paddelnd!). Bei einer anderen abenteuerlich-feuchten Bootsfahrt konnten wir feststellen, das der Verkehr zu Wasser hier nicht weniger aufregend ist, als der zu Land.Auf dem Rückweg nach Cali habe ich noch einige Tage in Medellin verbracht, wo ich nach der relativen Sicherheit des touristischen Nordens gleich wieder die Harte Seite Kolumbiens zu spüren bekommen habe. Es gab unheimliche Polizei- und Militärpräsens. Als ich mit einem Freund in der Uni war, wurden auf deren Hof plötzlich Sprengsätze gezündet und als wir an einer Straßenkreuzung standen, jagten auf einmal zwei Motorräder an uns vorbei und der eine Polizist auf dem hinteren Motorrad schoss auf die Insassen des vorderen Motorrads. Ich weiß nicht warum. Vielleicht handelte es sich um Diebe. Außerdem gab es in der Uni eine Veranstaltung über die Paramilitärs, weil diese in der Woche davor einen Studenten ermordet hatten.
Auch aus Medellin bin ich jedoch unbehelligt herausgekommen.
In der Osterwoche war ich dann mit sieben anderen Freiwilligen in Ecuador, habe den Äquator besucht und war erstmals auf der Südhalbkugel dieses Planeten. Es war eine sehr lustige Reise, besonders da ich keine Stimme hatte und so die ersten vier Tage geschwiegen habe wie ein Grab – was beim Feilschen sehr nützlich war. Die ecuadorianische Bevölkerung ist übrigens sehr viel indigener und in sich gekehrter als die Kolumbianer und das Klima kühler.

4.   Nimmt in letzter Zeit auch in Cali die Polizei- und Militärpräsens deutlich zu. Auch um unser Kloster und im anliegenden Park. Aber keiner sagt etwas dazu. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Manchmal würde ich sie gerne fragen, was sie hier machen, was denn los sei. Aber seitdem Jonas von einem Polizisten ausgeraubt wurde, traue ich ihnen nicht mehr. Außerdem sind es Männer, Kolumbianer, die in ihrer Langeweile so schon vorbeigehenden (blonden) Frauen hinterher zischen und denen man daher am liebsten aus dem Weg geht. Aber alle verhalten sich als sei diese Veränderung etwas völlig alltägliches und das Leben geht seinen gewohnten Gang. Insofern scheint es wohl es wohl keinen Grund für Sorgen zu geben.

Halbzeit in Cali - Nachtrag vom März 2011




Seit einem halben Jahr warte ich auf den Tag, an dem mir langweilig wird und langsam festigt sich
mein Eindruck, dass ich in dieser Beziehung ein hoffnungsloser Fall bin…
Im Grunde müsste man davon ausgehen, dass sich nach einem halben Jahr ein gewisser Alltagsrhythmus eingestellt hat, aber dieses Gefühl wird in regelmäßigen Abständen zu Nichte gemacht. Während die ersten drei Monate einem recht strukturierten Verlauf folgten, geprägt vom Eingewöhnen, Ausloten und kopfüber in die Arbeit stürzen, vom unterrichten, musizieren und konzertieren, lassen sich die vergangenen Wochen kaum auf einen aussagefähigen Nenner bringen. Sie begannen mit den vierwöchigen kolumbianischen Weihnachtsferien. So sah ich mich ab dem 15. Dezember, wie viele meiner Mitfreiwilligen gezwungen, mir Arbeit in einem anderen Projekt zu suchen.  Die schlechten Reisebedingungen aufgrund der heftigen Regenfälle und Überschwemmungen und der saisonbedingten hohen Preise hielten mich davon ab, mir Urlaub zu nehmen. Deshalb arbeitete ich mit einigen anderen Deutschen in Montebello. Da es dort kein Mittagessen gab und es die Zeit der „Feria de Cali“ war, mussten wir nur halbtags arbeiten. So bestanden unsere Vormittage darin, Müllbehälter aus Guadua zu zimmern oder die Plastikfolien in der Ziegelwerkstatt des Colegios de las aguas zu reinigen. Nachmittags und abends besuchte man Umzüge und Konzerte, traf Weihnachtsvorbereitungen oder ruhte sich aus. Nach dem Genuss eines Zuckerrohrsafts während einer Reitparade war die Hälfte der Klosterbelegschaft für zwei Wochen um die Jahreswende mit Magen-Darm-Problemen ans Bett beziehungsweise Bad gefesselt. Ich blieb von dieser Erfahrung verschont, aber Ricarda schleppt sich dafür bis heute mit regelmäßigen Bauchkrampf- und Kreislaufattacken herum. 
Irgendwann hielt ich das Plastikfolienschrubben jedoch nicht mehr aus und nahm mir drei Tage frei, um mit einigen anderen Freiwilligen den Süden Kolumbiens zu erforschen und den „Carneval de Blancos y Negros“ in Pasto zu erleben. Es wurde eine schmutzig-verrückte Erfahrung. Man schmierte sich mit schwarzer, weißer und schließlich bunter Farbe ein, veranstaltete Schaum- und Puderschlachten und feierte.
Dieser zweitwichtigste Carneval Kolumbiens gründet sich auf die Tradition eines Tages im Jahr, an dem die Sklaven frei hatten und ihre weißen Herren sich die Gesichter schwarz anmalten, um während der gemeinsamen Feierlichkeiten Gleichheit zu symbolisieren. Am folgenden Tag malten sich die Sklaven weiß an. Beendet wird der Carneval mit einem beeindruckenden Umzug von mehr als hundert fantasievoll verkleideten Tanzgruppen und Carnevalswagen.
Diese Entscheidung brachte uns die schönsten Reiseerfahrungen, die wir hätten haben können. Wir wurden nicht nur bekocht und verwöhnt (wenn wir morgens aufwachten, hatte die Oma heimlich unsere dreckigen Jacken und Pullover gewaschen!), wir lernten auch die Freunde der Familie kennen, mit denen wir die Carnevals-Veranstaltungen besuchten und machten gemeinsam mit Teilen der Familie unglaublich schöne Ausflüge und Wanderungen in der Umgebung von Pasto. Diese Ausflüge waren super entspannend und es entwickelten sich sehr interessante und vertraute Unterhaltungen.
Nach Cali zurückgekehrt empfand man dann die schlechte Luft und den Lärm der Großstadt umso deutlicher. Und ich sehnte mich nach dem Ende der Ferien. Ich vermisste die Arbeit mit den Kindern und meine Motivation hinsichtlich der Arbeit in Montebello war gleich Null.

Als ich am 16. Januar meine Arbeit wieder aufnahm, war auch sofort spürbar, dass ich die Kinder inzwischen besser kennen- und einschätzen gelernt habe und besser auf den Unterricht vorbereitet war. Zwar musste ich die ersten beiden Wochen fast täglich vor die versammelte Schule treten, die Kinder an den Unterricht und die verpflichtende Teilnahme erinnern und die „Schwänzer“ zur Ordnung rufen, doch dann füllten sich die Gruppen auch langsam wieder.
Allerdings ist die Teilnahme an meinem Unterricht immer noch sehr schwankend, was die Arbeit etwas erschwert. Auch kommen viele Kinder ohne Schreibmaterialien in den Unterricht, Hausaufgaben werden nur ernst genommen, wenn man Tests ankündigt und selbst dann von den wenigsten erledigt. Ich vermute jedoch, dass sich das in Zukunft bessert, da ich Noten geben werde und diese in die Schulnoten der Kinder mit einfließen.
Diese Veränderung verursacht bei mir sehr zwiespältige Gefühle. Einerseits beseitigt sie meine Unsicherheit über meine Stellung innerhalb der Institution: ich bin vollwertige Lehrerin. Es schließt sich der „missing link“ zwischen der Anweisung der Direktorin, dass mein Unterricht für die Kinder verpflichtend ist und der Frage danach, wie sich die Erfüllung oder Nichterfüllung der Pflicht auswirkt. Andererseits widerstrebt es mir völlig, mit Notendruck arbeiten zu müssen. Ich finde die Vorstellung schrecklich, dass die Kinder nur aus Angst vor schlechten Noten in meinen Unterricht kommen, dass sie nur für Noten lernen. Bin ich nicht in dem Sinne hier her gekommen, ihnen nicht Wissen, sondern Werte zu vermitteln, ihnen Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken und so Sicherheit zu geben? Welchen Wert vermittle ich durch Noten? Wie sollen sie in einem Angstzustand Liebe und Sicherheit erfahren?
Außerdem bin ich doch gar keine ausgebildete Lehrerin.
In dieser Hinsicht fallen mir die vielen Fähigkeiten, für die ich sonst so dankbar bin auf die Füße. Die Tatsache, dass ich motiviert bin, Geige spiele, grundlegende Musikkenntnisse habe und vor allem Englisch kann, überdeckt alle Schwächen und das Fehlen jeglicher pädagogischer Ausbildung. So kamen in den vergangenen Wochen eine nach der anderen die Lehrerinnen der Schule mit der Frage zu mir, ob ich ihnen nicht im Englischunterricht helfen könne (was darauf hinausläuft, dass ich ihn übernehme), als zu viele Anmeldungen für die neuen Geigenanfängergruppen aufkamen, wurde ich gefragt, ob ich nicht auch ein oder zwei Gruppen übernehmen könnte und nach dem Beschluss der Fundacion im Colegio de las aguas in Montebello einen neuen Zweig zu eröffnen, wurde ich gebeten, doch auch dort Musik- und Geigenunterricht zu geben. Außerdem kommen ständig Privatpersonen zu einem, die alle Englisch lernen wollen, aber kein Geld für Lehrer haben.
Das löst bei mir manchmal den Wunsch aus, mich zu zerteilen oder zu vervielfältigen. Auch wenn ich es gerne tun würde, übersteigt es mein Zeit- und Kraftlimit, allen zu helfen. Zusätzlich zu den je zwölf Stunden Englisch und Musiktheorie, die ich gebe, gebe ich jetzt je einmal in der Woche Englisch in der vierten und in der neunten Klasse, gebe einer Freundin Deutsch- und Englischunterricht, unterrichte einen Schüler aus der neunten Klasse, dessen Vater in Deutschland lebt, in Deutsch, mache eine Theaterstunde mit Kindern aus der vierten und fünften Klasse und werde im April zwei Geigengruppen und eine Stunde Musiktheorie wöchentlich in Montebello beginnen. Aber mehr geht dann wirklich nicht mehr.
Meine neuen Aufgaben machen mir jedoch auch sehr viel Spaß. So habe ich die Gelegenheit den Unterschied kennenzulernen zwischen dem Unterrichten von Kleingruppen und Klassen mit über vierzig Kindern. Und ich bin sehr erstaunt, wie gut es klappt. Nach dem, was ich von den anderen Freiwilligen, die in Schulen unterrichten gehört habe, hatte ich heilloses Chaos erwartet, aber die Kinder sind ganz brav und arbeiten super mit.
Und die Deutschstunden mit Juan David (dem Neuntklässler) sind rührende Erlebnisse. Er lebt seit zehn Jahren getrennt von seinem Vater und hofft darauf, ihn nach seinem Abitur in Deutschland besuchen zu können. Er hatte vorher schon ein paar Monate Deutsch und hat autodidaktisch gelernt und ist erstaunlich gut. Er ist hoch motiviert. In den Stunden mit ihm spüre ich ein so tiefes Verlangen, diese Sprache zu lernen, so viel Hoffnung und Herzblut, die sich damit verbinden – es ist zum Hinschmelzen.
Im Gegensatz zu den anderen Aktivitäten sind die Theaterstunden mein eigener Wunsch gewesen. Auf sie freue ich mich immer ganz besonders. Und auch die Kinder haben an ihnen sehr viel Freude.  Bisher haben wir meist vorbereitende Spiele und Übungen gemacht und die Kinder haben sich in Gruppen kleine Szenen ausgedacht und einander vorgeführt. Das gab mir die Möglichkeit, ihre Interessen herauszufinden, so dass ich jetzt nach einem geeigneten Stück suchen kann.
Ich bin auch sehr gespannt auf den Geigenunterricht in Montebello. Nach den Erzählungen der Freiwilligen die dort arbeiten, sind die Kinder im Colegio völlig anders und haben sehr viel mehr Schwierigkeiten als die Kinder, die ich bisher unterrichte. Liliana, die Geigenlehrerin auf deren Initiative hin Fundarboledas gegründet wurde, wird mich vorher noch in die Suzuki-Methode einweisen, mit der in der Fundacion gearbeitet wird und wird mit mir das Auswahlverfahren der Kinder machen. Und dann werde ich mein Glück versuchen…
Abgesehen von den unerledigten Hausaufgaben laufen die Englisch- und Musikstunden mit den Kindern, die kommen, weiterhin gut. Mit den Kleinen mache ich sehr viele Spiele zum Vokabel- und Notenlernen, mit den Mittleren bearbeite ich in Englisch Themen wie „Die Uhrzeiten“ oder „Nach dem Weg fragen“ und in Musiktheorie die Tonleitern und den Quintenzirkel. Mit den Großen wage ich mich an die Grammatik und bearbeite die Zeitformen (gar nicht so einfach, wenn man erstmal lernen muss, to be im Present Simple zu konjugieren) und in Musik steht gerade die Formenlehre an.
All dieser Unterricht ist geprägt von beiderseitiger Liebe, Freude und Herzlichkeit. Das zeigen die vielen Umarmungen, die Briefe, die mir die Kinder schreiben oder der Applaus und das „Danke“ am Ende einer Schulstunde. Bei diesen Gesten könnte ich manchmal weinen vor Freude. Es ist etwas völlig anderes als der starre Schulunterricht, der sonst an der Schule lebt. Und ich hoffe inständig, dass dies so bleiben möge.