Freitag, 17. Dezember 2010

Menschenleben für zwanzig Euro

Im Grunde ist das Leben hier völlig normal. Man arbeitet, isst, schläft, tanzt, geht mit Freunden aus und lebt seinen Alltag. Doch wenn man deutschen Frieden gewohnt ist, stößt man im kolumbianischen Alltag gelegentlich auf.
So wollte Falk sich eines Nachts mit einem Freund treffen und bekam gegen 22.00 Uhr den Anruf, dass am verabredeten Treffpunkt zwei Menschen erschossen wurden. So viel die Party aus.
Eines Tages wurde Thomas in Montebello ausgeraubt. Als der gleiche Dieb zwei Wochen später eine alte Frau überfiel, wurde er mit einem Kumpanen erstochen. Das hatte zur Folge, dass Thomas eine Woche lang nicht in seinem Projekt in Montebello arbeiten konnte und alle anderen Deutschen nur in Gruppen oder in Polizeibegleitung dorthin fahren durften, weil das Gerücht umging, der Cousin des Erstochenen habe eine Morddrohung an uns alle gestellt. Inzwischen hat sich dieses Gerücht allerdings als falsch herausgestellt.
Jonas wurde schon zweimal ausgeraubt. Das eine Mal ca. 100 m von unserer Unterkunft entfernt, das zweite Mal von einem Polizisten in Siloé.
Letzte Woche wurde sein Projekt außerdem von Jugendlichen mit Schlamm angegriffen. Das klingt sehr kurios, war aber wohl eine ernsthafte Bedrohung.
Ich selber habe mich einmal gewundert, dass meine Direktorin und die Lehrerinnen während einer Orchesterprobe am Geländer der Dachterrasse standen und auf die Straße blickten. Als nach der Probe auch die Kinder zu Ihnen gingen, wollte ich nachsehen, was es gab. Ich sah fünf Busse und eine Menge Leute. Als ich eines der Kinder fragte, was sie hier täten, sagte mir der Junge, dass sie hier seien, weil ein 15-jähriger Junge umgebracht worden sei. Es erschien mir etwas merkwürdig, dass ein solches Ereignis solch eine Touristenattraktion sein sollte und so fragte ich den Geigenlehrer noch einmal. Dieser bestätigte mir die Aussage. Er erläuterte mir, dass es sich um Beerdigungsgäste handle, weil zwei Tage zuvor zwei Straßen weiter ein Junge umgebracht worden sei. Er sei unschuldig gewesen, die Mörder hätten sich leider geirrt. Das geschehe hier oft.
Ich muss wohl etwas ernst geguckt haben, jedenfalls fragte er mich eine Minute später scherzend: „Julia, what’s up?“. Mir blieb die Antwort im Hals stecken.
Aber was für mich grausam und ungewöhnlich ist, gehört hier zum Alltag. Es ist normal. Man muss damit leben. Auftragsmörder gibt es hier an jeder Straßenecke und ab 20 €. Und wenn sie sich mal irren, ist das schade, aber man kann nichts dagegen machen. So ist das Leben. Amen.

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