Donnerstag, 23. Dezember 2010

Verkehr

Der Verkehr ist eines der aufregensten Themen hier in Kolumbien. Auf den Straßen Calis sieht man alles: vom Bonzenjeep bis zum Eisverkäufer auf dem Fahrrad und dem Eselskarren. Vor allem ist Cali übersäht von gelben Punkten, so dass man meinen könnte, die Stadt leide an Gelbsucht. Während in Metropolen wie London oder Madrid ein Taxi auf 1000 Einwohner kommt, kommt hier schon auf jeden hundertsten Caleño ein Taxi.

Die Taxis sind ein viel genutztes Verkehrsmittel. Sie sind bequem und günstig. Wenn man zu mehreren fährt und die Fahrt nicht zu lange dauert, ist es sogar billiger, mit dem Taxi zu fahren, als einen Bus zu nehmen. Die Fahrer der Golf-großen Gefährte nehmen bis zu sechs Personen mit. Und man kann mit den Taxifahrern handeln.
Manchmal entpuppen sich Taxifahrten jedoch als kleine Abendheuer, wenn das Taxi plötzlich auf halber Strecke stehen bleibt, der Taxifahrer sich in mörderischem Tempo durch den Verkehr schlängelt oder unter Drogen steht oder beides. Ein besonders freundlicher Taxifahrer begleitete Klaus eines Tages beim Einkaufen, um ihn anschließend wieder nach Hause zu fahren. Als sie ins Auto stiegen, fiel Klaus plötzlich auf, wie der Taxifahrer seine Beinprothese beim Einsteigen anheben musste…
Wenn ich mit dem Bus zur Arbeit fahre, bin ich immer wieder froh, nur 1,65 m groß zu sein. Für alle größeren Menschen besteht hierbei große Verbuckelungsgefahr. Die Höhe dieser Verkehrsmittel beträgt 1,70 m und selbst ich habe Schwierigkeiten, meine Beine in die engen Räume zwischen den Sitzen zu quetschen. Weniger Sorgen muss man sich über genügend Frischluft während der Fahrt machen, da die Busse gewöhnlich mit offener Tür fahren.

Anders als in Deutschland halten die Busse hier weder an festen Haltestellen noch gibt es Fahrpläne. Auch die Routen variieren hin und wieder. Dadurch ist das Busfahren relativ entspannt: man stellt sich einfach an die Straße und wartet bis der Bus kommt. Dann winkt man ihn heran und bezahlt 1500 $ (ca. 0,60 €) beim Fahrer. Man muss sich nie Gedanken über die Zeit machen, denn da es keinen Fahrplan gibt, kann man den Bus auch nicht verpassen.
Für Fahrten außerhalb der Stadt sollte man jedoch besser einen Jeep nehmen, da die Busse nicht an die dortigen Straßenverhältnisse angepasst sind, die Busfahrer sich dafür aber im Straßenverkehr beweisen wollen. So kommt es hier hin und wieder vor, dass ein Bus verkehrt herum im Straßengraben landet.

Die Jeeps wirken wie verbeulte Blechkisten mit zwei seitlichen Holzbänken auf der Ladefläche, überdacht von mit Plastik bespannten Eisenstangen. Nach hinten hin sind die Gefährte offen. Die Plastikplane ist oft geflickt, manchmal wirkt die Windschutzscheibe, als würde sie einem gleich in tausend Teilen entgegen springen. Die Fahrt kostet 1300 $ (0,50 €). So ein Jeep fasst alles, was sich hinein quetscht und was nicht hinein passt, hängt sich hinten dran. So werden schon mal um die zwanzig Personen transportiert. Wenn der Jeep randvoll ist, ist die Fahrt am gemütlichsten, da man bei den Schlaglöchern weniger hin und her geschleudert wird.

Die Straßen sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Wirklich hohes Tempo lassen jedoch die wenigsten zu: wenn es keine Schlaglöcher gibt, die den Verkehr bremsen, werden entsprechende Hubel eingebaut. Gerade im Hinblick auf diese Straßenverhältnisse und den Fahrstil der meisten Kolumbianer ist es ein Wunder, was hier noch alles fährt. Die einzige Verkehrsregel, die es gibt, ist die des Rechts des Stärkeren. Schilder und Ampeln sind zwar vorhanden, werden aber scheinbar als Dekoration der öffentlichen Plätze betrachtet. Obwohl – Ampeln werden manchmal schon beachtet. Hier werden immer regelrechte Hupkonzerte eröffnet, sobald es grün wird, so als ob die Menschen Angst hätten, die Person im vordersten Auto könnte blind sein.
Es ist also alles etwas chaotisch, aber irgendwie funktioniert es doch. Ordnungsgewohnte Deutsche brauchen lediglich ein bisschen Mut und Vorsicht, um sich im kolumbianischen Straßengetümmel zurecht zu finden.

Freitag, 17. Dezember 2010

Menschenleben für zwanzig Euro

Im Grunde ist das Leben hier völlig normal. Man arbeitet, isst, schläft, tanzt, geht mit Freunden aus und lebt seinen Alltag. Doch wenn man deutschen Frieden gewohnt ist, stößt man im kolumbianischen Alltag gelegentlich auf.
So wollte Falk sich eines Nachts mit einem Freund treffen und bekam gegen 22.00 Uhr den Anruf, dass am verabredeten Treffpunkt zwei Menschen erschossen wurden. So viel die Party aus.
Eines Tages wurde Thomas in Montebello ausgeraubt. Als der gleiche Dieb zwei Wochen später eine alte Frau überfiel, wurde er mit einem Kumpanen erstochen. Das hatte zur Folge, dass Thomas eine Woche lang nicht in seinem Projekt in Montebello arbeiten konnte und alle anderen Deutschen nur in Gruppen oder in Polizeibegleitung dorthin fahren durften, weil das Gerücht umging, der Cousin des Erstochenen habe eine Morddrohung an uns alle gestellt. Inzwischen hat sich dieses Gerücht allerdings als falsch herausgestellt.
Jonas wurde schon zweimal ausgeraubt. Das eine Mal ca. 100 m von unserer Unterkunft entfernt, das zweite Mal von einem Polizisten in Siloé.
Letzte Woche wurde sein Projekt außerdem von Jugendlichen mit Schlamm angegriffen. Das klingt sehr kurios, war aber wohl eine ernsthafte Bedrohung.
Ich selber habe mich einmal gewundert, dass meine Direktorin und die Lehrerinnen während einer Orchesterprobe am Geländer der Dachterrasse standen und auf die Straße blickten. Als nach der Probe auch die Kinder zu Ihnen gingen, wollte ich nachsehen, was es gab. Ich sah fünf Busse und eine Menge Leute. Als ich eines der Kinder fragte, was sie hier täten, sagte mir der Junge, dass sie hier seien, weil ein 15-jähriger Junge umgebracht worden sei. Es erschien mir etwas merkwürdig, dass ein solches Ereignis solch eine Touristenattraktion sein sollte und so fragte ich den Geigenlehrer noch einmal. Dieser bestätigte mir die Aussage. Er erläuterte mir, dass es sich um Beerdigungsgäste handle, weil zwei Tage zuvor zwei Straßen weiter ein Junge umgebracht worden sei. Er sei unschuldig gewesen, die Mörder hätten sich leider geirrt. Das geschehe hier oft.
Ich muss wohl etwas ernst geguckt haben, jedenfalls fragte er mich eine Minute später scherzend: „Julia, what’s up?“. Mir blieb die Antwort im Hals stecken.
Aber was für mich grausam und ungewöhnlich ist, gehört hier zum Alltag. Es ist normal. Man muss damit leben. Auftragsmörder gibt es hier an jeder Straßenecke und ab 20 €. Und wenn sie sich mal irren, ist das schade, aber man kann nichts dagegen machen. So ist das Leben. Amen.

Los Diablos de Siloé - eine teuflische Geschichte


Vom „dia de las brujas“ (Tag der Hexen = Halloween) an bis zum 6. Januar ziehen die Diablos durch Cali. Die Diablos sind als Teufel verkleidete Gruppen von Kindern und Jugendlichen, die lärmend und trommelnd durch die Straßen ziehen und den Menschen Geld abteufeln.

Siloé
Der  Brauch kommt aus Siloé, einem Stadtteil im Osten von Cali, der berüchtigt ist für Gewalt und Bandenkriege. Hier gründeten sich landesweit gefürchtete Gruppen wie FARC und M19 und rekrutierten bis vor kurzem ihre Mitglieder. Durchschnittlich zwei Menschen sterben in Siloé pro Woche eines gewltsamen Todes. Die Polizei wird nicht geduldet. 
Ursprünglich  war Siloé vom Indianerstamm der Yanaconas bewohnt. Später siedelten sich hier die in den Kohleminen arbeitenden, afrikanischen Sklaven an. Mit Beginn des Bürgerkriegs kamen in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts viele Bauern-Flüchtlinge aus dem Umland hinzu.
Diese führten 1952 den Brauch der Diablos ein, um Geld für Essen, Kleidung und Alkohol für die Feste im Dezember zu erbetteln. Anfangs trommelten nur erwachsene Männer und sie zogen nur im Dezember durch die Stadt. Doch da die Arbeit der Männer alleine die Familien oft nicht ernähren konnte, werden nun auch die Kinder ausgeschickt. Kinderarbeit ist in Kolumbien zwar verboten, wird aber nicht geahndet, schon gar nicht, wenn es um Traditionen wie die „Diablos de Deciembre“ geht. Und da bettelnde Kinder mehr einbringen als Erwachsene, liegt der Altersdurchschnitt der Teufel heute weit unter 18. Seit 10 Jahren beginnen die Diablos schon am 31. Oktober zu trommeln. Aber das Elend Siloés trommeln sie nicht weg…

Drei Monate in Cali - Zusammenfassung

Cali ist eine Stadt in den Anden im Südwesten Kolumbiens. Offiziell hat sie drei Millionen Einwohner und ist damit eine der drei größten Städte des Landes. Allerdings sind weite Teile offiziell gar nicht registriert, so dass die wahren Bevölkerungszahlen im Dunkeln liegen.
Wie das ganze Land ist Cali geprägt von großen Unterschieden und davon, dass diese unglaublich eng beieinander liegen. Das fällt an den Gebäuden auf, der Baustruktur der verschiedenen Stadtteile, an den Verkehrsmitteln, der Infrastruktur, den hygienischen Verhältnissen und der Dichte und Art der Bevölkerung auf der Straße.
Davon abgesehen ist es eine sehr grüne Stadt, von wunderschönen bewaldeten Bergen umgeben, mit angenehm sommerlich-tropischem Klima und ebensolcher faszinierender Natur. 
Besonders in der Zeit zwischen Halloween und dem 6. Januar ist es allerdings auch eine sehr laute Stadt. Dies ist den „Diablos“ zu verdanken, als Teufel verkleideten Kindern, die lärmend und trommelnd durch die Straßen ziehen und den Menschen Geld abteufeln. Ein Brauch, der aus dem von Gewalt geprägten Stadtteil Siloé kommt.
In dieser Stadt lebe ich seit dem 15. September 2010 gemeinsam mit 17 weiteren deutschen Weltwärts-Freiwilligen in einem Teil eines Klosters, das die Fundacion für uns und ihre Büros gemietet hat. Wir alle arbeiten in unterschiedlichen sozialen Institutionen für Kinder in und um Cali. Größtenteils handelt es sich um Schulen und Waisenheime oder Freizeitparks für Straßenkinder. Unsere Tätigkeiten sind je nach unseren Fähigkeiten und der Art der Institution sehr unterschiedlich. Fast alle unterrichten Englisch. Hinzu kommen oft Deutsch, Sport, Kunst oder Musik. Bei einigen stehen die Betreuung und das Spielen mit den Kindern im Vordergrund, andere erfüllen richtige Lehrfunktionen.
Ich arbeite in der Fundacion Arboledas „Fundarboledas“, ein Verein, der 2003 von reichen Kolumbianern gegründet wurde, um mit Hilfe von Musik Kindern aus sozial schwacher und gewaltbereiter Umgebung eine Möglichkeit zu bieten, ihr Umfeld positiv zu verändern. Die Kinder erhalten Unterricht in Geige, Bratsche, Cello oder Kontrabass und in Musiktheorie. Die Fortgeschrittenen spielen im fundacions-eigenen Orchester „Mensajeros de esperanza“ (Boten der Hoffnung), das Kinder und Jugendliche aller Bevölkerungsklassen musikalisch vereint.
Meine Aufgabe bestand ursprünglich darin, die Kinder in Englisch und Musiktheorie zu unterrichten. Mein Stundenplan sieht für zwölf Gruppen pro Woche jeweils eine Stunde Englisch und eine Stunde Musiktheorie vor. Außerdem spiele ich im Orchester mit und begleite einige Gruppen im Geigenunterricht. Aus verschiedenen Gründen funktionierte dieser Stundenplan jedoch nur sechs Wochen. Dann wurde jeder Tag zu einer Überraschung:
Die Schule begann und so musste ich den Stundenplan umbauen – und zwar jeden Tag neu, da immer neue Faktoren auftauchten, die mit dem bestehenden Plan nicht vereinbar waren. Im Zwei-Wochen-Takt gab es Feiertage, die den Alltag aus der Routine brachten. Wenn es regnete fiel der Unterricht aus oder mutierte zu Einzelstunden, da die Kinder nicht in die Schule kamen. Es standen Konzerte an, die Kinder übten jedoch nicht selbstständig und mussten vorbereitet werden. Also fiel mir kurzer Hand die Aufgabe zu, ihnen jeden Morgen Geigenunterricht zu geben. Eines Tages kam ich in die Schule und fand mich plötzlich in der Aufgabe wieder, das Orchester zu dirigieren, da der Geigenlehrer nicht gekommen war. Außerdem wurden außerordentliche Orchesterproben angesetzt, die den Kindern die Teilnahme an meinem Unterricht versagten.
So habe ich es inzwischen aufgegeben, Unterricht zu planen. Derzeit gehe ich morgens in die Schule und passe meine Tätigkeit der aktuellen Situation an. Das heißt, ich gebe entweder einzelnen Schülern Englisch- bzw. Musikunterricht, gebe Geigenstunden, spiele selber, bereite Unterrichtsstunden vor, begleite die Instrumentalstunden oder helfe den Lehrerinnen im Schulunterricht, der im gleichen Gebäude stattfindet.
Doch das war nicht immer so. Anfangs war meine Woche von Montags um 8.00 Uhr bis Donnerstags um 17.00 Uhr durchgeplant. Hinzu kamen Orchesterproben am Wochenende. Stündlich hatte ich eine neue Gruppe von sechs bis achtzehn Schülern vor mir und sollte sie unterrichten – und das, ohne eine einzige Hintergrundinformation über Alter und Vorkenntnisse der Kinder. Da ich auf eine solche Aufgabe nicht vorbereitet war, waren die ersten Stunden eine reine Improvisationsübung. Doch je näher ich die Kinder kennen lernte, desto besser konnte ich Stunden gezielt vorbereiten und den Stoff der jeweiligen Gruppe anpassen. 

Manchmal wollte ich verzweifeln, wenn ich feststellen musste, dass die Kinder nach fünf Jahren Englischunterricht nicht die Worte „thank you“ oder „good bye“ schreiben konnten und Neuntklässler nicht den langsam ausgesprochenen Satz „Do you understand me, when I speak English?“ verstanden, obwohl sie theoretisch alle Wörter kannten. Dafür habe ich innerlich Luftsprünge gemacht, als eines Tages eines der Kinder stolz eine neue Schülerin fragte: „What is your name?“ und ihr dann erklärte, dass sie das bei mir gelernt hätten. Nachdem sie sich zu Beginn keinen Satz fünf Minuten merken konnten, hatte ich so etwas Wochen nach der betreffenden Stunde kaum noch erwartet. Mein Unterricht scheint also zu fruchten, auch wenn die Stunden mir viel Mühe und Geduld abverlangen. Hurra!
Und auch ich lerne hier viel. Da ich in einer Deutschenkommune lebe, macht mein Spanisch zwar leider nicht so schnelle Fortschritte, wie ich es mir wünsche, dafür hat der Kontakt zu den anderen Freiwilligen aber auch Vorteile. Beispielsweise hatten wir in den ersten Wochen die Gelegenheit, einander bei der Projektbesichtigung zu begleiten. So konnten wir einen sehr breit gefächerten Eindruck des Landes gewinnen, was sehr interessant war. Hierbei fielen besonders deutlich die extremen Unterschiede auf. Auch im weiteren Verlauf unseres Aufenthaltes bedeutete der Erfahrungsaustausch eine große Bereicherung. Denn natürlich sind es die Eindrücke und Erfahrungen, aus denen man lernt.
Für mich boten die ersten drei Monate in Kolumbien besonders schöne Erlebnisse. Durch das Glück, im Orchester spielen zu können, durfte ich mich in nie gekannter Intensität der Musik widmen und gleichzeitig ihre enormen sozialen Wirkungsmöglichkeiten erleben.
Ich kam gerade richtig, um an der Gestaltung der Halloween-Feierlichkeiten teilzunehmen. Dieses Fest hat hier den Status, den bei uns Fasching/ Karneval hat. Zu diesem Anlass habe ich mit einigen Fundacions-Mitglieder einen Sketch mit Musikeinlagen eingeübt. Die Musikeinlagen wurden natürlich von den Kindern gespielt. Die Show wurde einmal in einem Kindergarten vor 120 Kindern aus sozial schwachen Familien aufgeführt und einmal intern in der Fundacion Arboledas. Es war sehr niedlich all die fantasievoll verkleideten Kinder zu sehen und ihre Begeisterung zu erleben.

Parallel lief schon eine intensive Probenphase für die Orchesterkonzerte Ende November. Das eine wurde von Fundarboledas organisiert und fand im Stadttheater statt, einem faszinierenden, neoklassizistisch Bau mit fünf gold verzierten Emporen, Deckengemälde und rotem Teppich ausgestattet. Die musikalischen Teilnehmer – Chor und Orchester – zählten 300 jugendliche Köpfe. Gespielt wurden Haydns Missa Brevis in F, Magnificat von Pergolesi und einige Chorstücke. Die Stimmung nach der Premiere war so freudig, dass der Dirigent seine Rosen an die Mädchen des Orchesters verschenkte.

Eine Woche später nahm ich am bewegensten Konzert meines Lebens teil. Es wurde von Batuta organisiert, einem kolumbianischen Verein zur Förderung von jugendlicher Musikaktivität. Diesmal nahmen 500 Kinder und Jugendliche teil. Damit bildeten wir das größte Jugendorchester Kolumbiens. Das Programm war bunt gemischt aus moderner und klassischer Musik für Chor und Orchester. Das Publikum bestand aus schätzungsweise 1500 Zuhörern, darunter dem kolumbianischen Kultusminister, dem deutschen Konsul und andere hochrangigen Personen. Da es in Cali keinen Konzertsaal gibt, der so viele Menschen fasst, fand das Konzert im Flugzeughänger der Militärschule statt – wie auch die drei vorangegangenen Probenwochenenden. Um zu verhindern, dass das Event von Guerillas für einen Anschlag genutzt wird, mussten alle eine Flughafen-ähnliche Sicherheitsschranke passieren. 

Mit dem Wissen um die großen Berührungsängste zwischen Armen und Reichen und die viele Gewalt im Land, schien es völlig unwirklich, in dieser Umgebung und dieser Zusammensetzung zu musizieren. Denn Chor und Orchester setzten sich nicht nur aus Jugendlichen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen, sondern wurden auch noch mit Musikern aus dem Militär vereint. Es war ein unglaublich verrücktes Gefühl, so zu spielen. Die Atmosphäre war so voll freudig-spannungsreicher Energie und die Emotionen griffen so sehr auf das Publikum über, dass die Luft zu vibrieren schien und niemanden an die schlechte Akustik denken ließ. Das Konzert wurde seinem Motto „Asi se va a las alturas II“ (So schwingen wir uns in die Höhen) mehr als gerecht.
Kaum waren diese Events vorüber, begann eine Reihe von Weihnachtskonzerten. Sie waren recht unterschiedlicher Art und wesentlich beschaulicher als die oben beschriebenen Projekte. Hierfür wurden Orchester und Vororchester vereint, so dass die Kinder aus dem Vororchester in den Genuss ihres ersten öffentlichen Auftritts kamen – ein bedeutender Schritt und schöner Moment.

Zu all diesen Erlebnissen kommen noch die vielen Eindrücke des täglichen Lebens in diesem von Deutschland so grundverschiedenen Land hinzu. Immer, wenn ich hoffe, einmal Luft holen zu können, taucht ein neues Projekt auf. Mein Kopf brummt und brummt, aber ich schwimme weiter. Manchmal bin ich erschöpft, aber es ist eine glückliche Erschöpfung. Ich glaube, ich habe Cali in diesen drei Monaten von einer sehr besonderen Seite kennen gelernt.