Montag, 27. September 2010

Erste Eindrücke in Cali



Die Straße glich einem Sturzbach, als ich am 15. September gegen 19.00 Uhr mit 7 weiteren deutschen Freiwilligen am Flughafen in Cali ankam. Es schüttete wie aus Kübeln und Blitz und Donner sorgten für Empfangsmusik. Im Gegensatz dazu war der Empfang durch das Begrüßungskomitee der Fundacion sehr herzlich.
Glücklich darüber, dass auch alle Koffer heil und unangetastet mit uns angekommen waren, verteilten wir uns auf die verschiedenen Autos und fuhren durch eine stockdunkle kolumbianische Metropole in das Kloster, das für ein Jahr unser Rückzugsort sein sollte.
Hier war ein Tisch liebevoll für uns hergerichtet. Doch so romantisch diese Mahlzeit im Kerzenlicht war, lange hielten wir die Müdigkeit nicht aus. Auch die Aussicht auf das biologisch bedingte Erwachen um 4.00 Uhr morgens verhinderte jegliches Bestreben, gegen sie anzukämpfen, so dass bald klösterliche Stille herrschte.
Im Laufe der nächsten Tage kamen weitere Mit-Freiwillige an, bis am 21. September die 20-köpfige Mannschaft komplett war. Diese ersten Tage waren noch geprägt von bürokratischen Angelegenheiten und dem Gefühl, noch gar nicht wirklich angekommen zu sein, dem Warten auf den Moment, in dem es endlich losgeht.
Das änderte sich am Montag schnell. Denn nun begannen wir mit der Besichtigung unserer Einsatzplätze. Es war unglaublich! Bereits am Mittwoch wusste ich nicht mehr, wohin mit all den Eindrücken. 


Da wir die Projekte in Gruppen parallel besucht haben, habe ich nicht alle gesehen, immerhin jedoch 9 von 17. Fünf liegen in Montebello, einem Vorort Calis mit schätzungsweise 10.000 Einwohnern. Genaue Zahlen weiß allerdings niemand, da die meisten Einwohner unregistrierte Bürgerkriegsflüchtlinge sind. Eine Mit-Freiwillige wird hier in einem Mädchen-Wohnheim arbeiten, drei in Grundschulen – einer staatlichen und einer privaten – , zwei in Ausbildungswerkstätten für Jugendliche und eine in der örtlichen Bibliothek. In Cali habe ich zwei Musikschulen, eine „Schule im Park“ und ein Ausbildungszentrum für Jugendliche besucht. In einer der Musikschulen werde ich ab dem 4. Oktober arbeiten.
Der Stadtteil, in dem sich mein Einsatzplatz befindet, wirkte noch relativ ruhig und geordnet und die Häuser stabil und gut gebaut. Alle anderen Einsatzplätze lagen in Slum-ähnlichen Vierteln. Aus den Bevölkerungsgruppen dieser Viertel stammen auch die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir arbeiten werden.
Das beeindruckendste Erlebnis dieser Woche waren die extremen Gegensätze innerhalb dieser Stadtteile. Ich war auf große Unterschiede zwischen Armen und Reichen vorbereitet, aber die Gegensätze zwischen Menschen mit ähnlichem sozialen Hintergrund überraschten mich. Auf dem Weg von einer Einsatzstelle zur nächsten kamen wir in Montebello an Häusern vorbei, die aus einigen Brettern zusammengeschustert waren und eher wie Hühnerställe wirkten. Keine drei Schritte weiter jedoch standen Stein- oder Betonbauten mit Wendeltreppchen Blumentöpfen auf dem Balkon. Manche Häuser wirkten richtig ordentlich, sauber und einladend, andere waren vollkommen vermüllt und es roch nach Kloake.






Außerdem wundert es mich sehr, dass die Kinder in den Einrichtungen so wenig Essen haben, dafür aber alle Einrichtungen Computerkabinette und Internet besitzen und in diesem Bereich teilweise besser ausgestattet sind als meine Schule in Deutschland seiner Zeit.  


Ansonsten setzen sich die Gegensätze in den Einrichtungen fort. So bestand die Bibliothek beispielsweise aus einem ca. 60m² großen Raum mit einigen einfachen Tischen und einer Bücherwand, die kaum mehr Bücher beinhaltete als meine Familie besitzt und der die Bücherecke des Mädchenwohnheims ernstlich Konkurrenz machte.
Das Schulgebäude der staatlichen Grundschule in Montebello ist ein solider Bau mit befestigtem Schulhof, die Klassenräume der Gymnasiasten sind in einer Bauruine und einer Baracke untergebracht. Drei Klassen lernen auf einem überdachten Basketballplatz mit an Holzlatten befestigten Plastikbahnen voneinander getrennt.
Die vom Salesianer-Orden getragene Ausbildungseinrichtung verfügt über zwei große Nähwerkstätten mit ungefähr 70 Nähmaschinen, eine Ausbildungsküche, eine Schlosserwerkstatt, eine Werkstatt für Industriemechanik, eine Auto- und eine Motorradwerkstatt. Alle wirken hervorragend ausgestattet. Die Musikschule hingegen besteht aus einem großen Raum und drei kleinen Räumen, besitzt 30 Geigen, 3 Bratschen, 5 Celli, 3 Kontrabässe und ein verstümmeltes Schlagzeug. Sie sind allerdings sehr erfinderisch und  haben angefangen, aus Plastikeimern Trommeln zu bauen.


Umso beeindruckender war ein Konzert des Kinderorchesters dieser Musikschule, das ich am Dienstag hören durfte: sie spielten das Vivaldi-Doppelkonzert für zwei Celli, das vor ein paar Monaten noch mein Orchester in Deutschland gespielt hat – und sie haben erst seit zwei Jahren Musikunterricht. Im Anschluss spielte das Jugendorchester von Cali zwei weitere Stücke aus dem Jenaer Orchesterprogramm des letzten Jahres.
So bin ich nun sehr gespannt darauf, was mich in meinem Projekt in den nächsten Monaten erwartet. Allerdings muss ich mich noch eine Woche gedulden, denn diese Woche werde ich gemeinsam mit den anderen Freiwilligen verschiedene Bauprojekte im Colegio de las Aguas in Montebello in Angriff nehmen.