Es ist heiß und sonnig. Der Koffer ist gepackt. Ich habe mich von allen verabschiedet. Das Zimmer ist aufgeräumt. Es gibt nichts mehr zu tun. Kolumbien ist abgeschlossen. Entspannt mache ich mich auf den Weg zum Friseursalon an der Ecke, um mich einmal in meinem Leben richtig verwöhnen zu lassen. Nach dem Rundumprogramm fühlen sich Haare, Hände und Füße angenehm weich und leicht an. Ich verspüre eine freudige Ruhe nach all den schönen Erfahrungen der letzten Wochen, Monate und Tage, die mir keiner nehmen kann, die ich mitnehme auf meinen Flug zurück in die Heimat, in der ich einen neuen Lebensabschnitt beginnen werde.
Und doch kommen mir erneut die Tränen, als ich im Flugzeug sitze und die grünen Berge Kolumbiens in immer tieferer Ferne verschwinden, während ein sympathischer Kolumbianer neben mir vom Heimweh spricht, welches ihn in Madrid ständig begleite. Wie sehr ich ihn verstehen kann! Wie sehr ich schon jetzt Kolumbien vermisse – die Musik, das Chaos, die Energie, die Fröhlichkeit, das sommerliche Klima! Wie sehr der Abschied schmerzt!
Am Donnerstag habe ich mich von der Escuela de la Trinidad verabschiedet, am Freitag von meinen Fundarboledas-Schülern und der Junta, am Samstag habe ich das letzte Orchesterkonzert mitgespielt, am Sonntag war ich ein letztes Mal bei der Probe und anschließend bei der Familie einer Schülerin zum Essen eingeladen und am Montag habe ich mich von meiner besten kolumbianischen Freundin und ihrer Familie verabschiedet und wurde von der Direktorin von Notas de Paz zum Essen eingeladen.
Besonders schön waren der Freitag und der Sonntag.
Am Freitag haben die Kinder die beiden Theaterstücke aufgeführt, die ich mit ihnen einstudiert hatte. Anschließend haben die Kinder der Tanz-AG traditionelle kolumbianische Tänze vorgeführt, alle haben „Un amigo es la luz“ (Enanitos verdes) und „cuando un amigo se va“ (Alberto Cortez), zwei wunderschöne, passende Abschieds- und Freundschaftslieder für mich gesungen, dann sang eine Schülerin ein Solo, Juan David hat eine Danksagung auf Deutsch vorgetragen und eine Mutter hat mir im Namen der ganzen (Schul-)gemeinschaft eine Danksagung überreicht.
Neben den Kindern und Lehrern waren einige Eltern, Gäste und Mitglieder von Fundarboledas anwesend. Vielen standen in diesen Minuten Tränen in den Augen, besonders betroffen wirkten die Theaterkinder. Später war ich mit den Kindern alleine, habe ihnen die Abschiedskarten überreicht, die ich für jeden geschrieben hatte und ihre Abschiedsgeschenke empfangen. Dann gab es für alle Obstsalat mit Eis.
Der Sonntag war für mich wichtig, weil er einen positiven Abschied vom Orchester darstellte. Eigentlich wollte ich am Samstag das letzte Mal zur Probe gehen. Aber am Samstag habe ich während der Probe völlig die Fassung verloren, so dass ich nicht mehr weiterspielen konnte. Das sollte nicht die letzte Erinnerung sein, die ich den Kindern hinterlasse. Ich wollte ihnen doch Hoffnung vermitteln und Zuversicht für eine bessere Zukunft. So nahm ich abends ein irisches Volkslied, dessen Noten mit Gitarrengriffen versehen waren und versah es mit Begleitstimmen für Cello, Bass und Viola. Am nächsten Morgen erbat ich mir fünfzehn Minuten der Probe, um einen letzten Wunsch auszusprechen: Kammermusik spielen. Dieses Element hatte mir das ganze Jahr über gefehlt. Die Kinder lernen nach den Suzuki-Lehrbüchern, werden zu den Proben diktiert und bereiten Konzerte vor, deren Programm andere für sie aussuchen. Sie präsentieren die Musik. Nie habe ich das gesehen, was in Deutschland ein so wichtiger Punkt der Orchestergemeinschaft war, dass man aus eigenem Antrieb gemeinsame Aktivitäten organisierte und sich zusammen fand, einfach, um für sich selbst gemeinsam zu musizieren, aus Freude an der Kommunikation.
An diesem letzten Sonntag haben wir zusammen gespielt. Es war auch in sofern ein besonderer Moment in meinem Leben, weil es das erste Mal war, dass ich von mir aus ein Ensemble zu leiten versucht habe. Und es war wunderschön. Die Botschaft kam an.
Mit meinem Wunsch habe ich den Kindern die Noten überlassen. Bei meiner nächsten Reise nach Kolumbien werde ich feststellen, inwiefern mein Abschied in Erinnerung geblieben ist…
Das Schwerste in diesen letzten Tagen waren die vielen kleinen, plötzlichen Gesten, die Menschen, die zwischen Tür und Angel vorbeischauten, um sich zu verabschieden: hier ein Strauß Rosen, dort ein Schokoriegel, ein Armbändchen, ein Kuscheltier oder eine liebe Karte. Auf diese Situationen war ich nicht vorbereitet und so kamen mir immer wieder die Tränen – der freudigen Überraschung einerseits und des Abschieds von all diesen Menschen andererseits.
Doch wie kommt es zu so einem Abschied? Was geschah davor? Noch steht der Bericht der letzten drei Monate aus.
Sie endeten nicht nur mit einem großen Abschied, sie begannen mit einem. Ende Juni verabschiedeten wir bei Fundarboledas Edinson Alexis Moreno, den Geigenlehrer und das Herz der Fundacion. Dieses Ereignis war mindestens so aufregend, bewegend und warm, wie mein Abschied. Edinson ist durch Fundarboledas groß geworden. Insgeheim war er der Auslöser für die Gründung der Fundacion, als Liliana Arboleda vor etwa zehn Jahren das ungewöhnliche Talent des kleinen Jungen aus dem sozialen Brennpunkt-Viertel Siloé entdeckte. Sie gab ihm kostenlos Geigenunterricht und die Entwicklung war unglaublich. Doch ohne Liliana wäre Edinson nie dazu gekommen Geige zu spielen. Die Erkenntnis darüber, dass es womöglich talentierte Musiker unter den Kindern Calis gibt, die nie zu solchen werden, lediglich weil ihre Eltern keine Möglichkeit haben, ihr Talent zu fördern, führten zur Gründung der Fundacion Arboledas.
Die Investition lohnte sich. Wer Edinson heute spielen hört und sieht, kann ihn sich nicht ohne Geige vorstellen. Wir haben ihn verabschiedet, weil er ein Stipendium gewonnen hat, um in den USA Geige zu studieren.
Dieses Stipendium ist eine Sensation, wenn man Edinsons Herkunft und Ausgangssituation betrachtet, eine Sensation für Kolumbien überhaupt. Er ist der ganze Stolz der Fundacion, das große Vorbild der Kinder und eine wichtige Hoffnungsquelle für die Menschen in seiner Umgebung.
Aber all das hat er sich hart erkämpft durch stundenlanges tägliches Üben und Fahrradfahrten durch die halbe Stadt, um trotz mangelnden Fahrtgeldes zum Unterricht kommen zu können. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr hat er neben der Schule und später neben seinem Violinstudium am Konservatorium der schönen Künste in Cali Geigenunterricht gegeben; bei Fundarboledas und in der Fundacion Sidoc in Siloé. Mehr als hundert Schüler unterrichtete er mit seinen 22 Jahren zuletzt. Mehr als hundert Kinder hat er durch seine Persönlichkeit inspiriert und von mehr als hundert Kindern musste er sich im vergangenen Sommer verabschieden.
Zu diesem Anlass gab es mehrere Konzerte, bei denen er zum Teil selbst spielte und zum Teil seine Schüler ihre Errungenschaften teilten, bei denen aber vor allem die Kolumbianer mal wieder ihr ausgeprägtes Talent der Improvisation, des „aus Wenigem Viel machen“ präsentierten.
In Reih und Glied standen die Kinder. Aufmerksam, bedacht darauf, ihr Bestes zu geben, dem geliebten Lehrer ihre Dankbarkeit auszudrücken, ihn für sein Werk zu würdigen. Da es nicht genug Violinen gab, um alle Kinder gleichzeitig spielen zu lassen, hörten wir einige Stücke mehrmals während die Geigen von Hand zu Hand
wanderten. All das fand in der bedrückenden Enge unserer Dachterrasse statt, die wohl kaum für 400 Menschen ausgelegt ist. Aber wo ein Wille ist, ist ein Weg und so saßen die Kinder dicht gedrängt auf dem Boden, um dieses Ereignis trotzt Platzmangels zu erleben.
Einige Tage zuvor gab es einen kleinen Abschied Edinsons vom Orchester. Wir sprachen über die Einstellung, die Edinson an den Punkt gebracht hat, an dem er heute steht, seine Motive der Disziplin, des Durchhaltens, des Träumens und der Liebe. Zur Erinnerung daran bekamen wir alle ein kleines goldenes Sternchen von Edinson überreicht. Und zum Abschluss sangen wir „Hör nie auf zu träumen“.
Von mir verabschiedete er sich bei unserem letzten Treffen mit den Worten: „Danke, dass Du Dich in die Kinder verliebt hast. Ich hoffe, dass Du sie nie vergisst und ihnen immer helfen wirst, denn Du kannst ihnen wahrscheinlich noch besser helfen als ich… bitte, vergiss nie die Kinder. Denn ihnen müssen wir immer helfen.“.
Nachdem ich ein Jahr lang das Glück hatte, mit diesem Menschen zu arbeiten, bezweifle ich zwar, dass ich den Kindern besser helfen kann als er, aber dennoch fassen diese Worte das Wesentliche seiner Persönlichkeit zusammen, das, wofür ich ihn liebe und bewundere.
Mit diesem Abschied endete auch das Schuljahr. In den Ferien hatte ich während einer dreiwöchigen Reise durch Peru und Bolivien die Gelegenheit eine völlig andere Seite Lateinamerikas kennenzulernen, als ich sie in Kolumbien bisher erlebt hatte. Kaltes Klima und karge Vegetation des Hochgebirges, Wanderungen über Schneebedeckte Gipfel von 4500 m über dem Meeresspiegel mit einheimischen Menschen, die traditionelle Kleidung tragen und selbstgemachte Sandalen an den Füßen. Bequeme, zuverlässige Busfahrten und beeindruckende Panoramen: Wüste, bizarre Steinformationen, Wald und Steppe, hohe Berge, Schnee und Lagunen in den verschiedensten Farben, aber auch Palmen und tropische Pflanzen, schöne Kolonialstädte und hässliche Städte, in denen es kaum ein fertiges Haus gibt.
Fasziniert haben mich vor allem La Paz und die Silberminen von Potosí. Der rote Berg, mit den engen Schächten, mit dem Schwefel, den Sulfaten und Kristallen an den Wänden, in dem man kaum atmen kann, je tiefer man in ihn eindringt, vor der Hitze und den ganzen giftigen Gasen und in dem Jungen und Männer aller Altersklassen unter unmenschlichen Bedingungen schuften und sich mit Kokablättern im Mund und Wasserflaschen als einziger Stütze teilweise bis zu sechzehn Stunden aufhalten müssen.
Für den August waren eigentlich verstärkte Theaterproben vorgesehen, um die Stücke in verschiedenen Schulen aufführen zu können. Auch mit meinen Englisch- und Musikschülern hatte ich Abschlusspräsentationen vorbereitet. Leider bekam ich jedoch eine ziemlich heftige Bindehautentzündung, die mir zwei Wochen lang die Arbeit verbot. So konnten die Präsentationen nicht fertig gestellt werden und es blieb keine Zeit mehr für auswärtige Theateraufführungen. Dass der Abschluss dennoch sehr schön wurde, geht aus diesem Bericht bereits hervor.
In meinem letzten Bericht habe ich über die Bedeutung der Musik für die Kinder philosophiert. Heute möchte ich ein paar Worte über die Bedeutung des Schauspielens verlieren.
In Vielem ist es dem Musizieren ähnlich: das Auswendiglernen der Texte fordert Konzentration, Erinnerungsvermögen und Ausdauer, Geduld zu wiederholen und immer zu wiederholen. Die Geduld ist auch bei den gemeinsamen Proben gefragt, die ein sehr hohes Maß an Rücksichtnahme und Selbstverantwortung fordern, ebenso wie Mut und Sensibilität, um sich in die Rolle einzufühlen. Wie beim Musizieren in einem Orchester werden also vor allem wichtige Eigenschaften des Sozialverhaltens geschult.
Darüber hinaus verkörpert das Schauspielen jedoch einen wesentlichen Aspekt des Menschseins, der dem Musizieren im Orchester fehlt: die Individualität, die Bedeutung jedes Einzelnen in der Gruppe. In einem Orchester fällt es kaum auf, wenn eine Geige weniger spielt, die Musik funktioniert trotzdem. In einem Theaterensemble hingegen bedeutet das Fehlen eines Glieds das Aus der ganzen Gruppe, das Aus des Stücks.
Aus diesem Grund hat das Schauspielen etwas sehr Befriedigendes, Erfüllendes, Gemeinschafts- und Sinnstiftendes.
So wundert es mich wenig, dass ich mit meinem Theaterunterricht besonders erfolgreich war. Das Ausfallen desselben löste jedes Mal regelrechte Enttäuschung aus, die Kinder waren sehr viel motivierter als in anderem Unterricht und die Abschiedstränen gerade bei ihnen wurden wohl nicht nur durch meine Person, sondern auch durch das Bewusstsein über den bevorstehenden Verlust der Möglichkeit zu schauspielern ausgelöst.
Aus diesem Zusammenhang ergibt sich bereits mein Traumprojekt für meinen nächsten Kolumbienaufenthalt, den ich natürlich versprechen musste.
Ich wünschte, die Kinder hätten trotz meiner Abwesenheit eine Theater-AG. Sie hat ihnen gut getan und täte Kolumbien gut. Ich wünsche jedem Menschen die Erfahrung des Schauspielens, denn ich glaube, sie kann wesentlich dazu beitragen, ein guter Mensch zu werden.




