Mittwoch, 29. Februar 2012

Rückflug

14. September 2011

Es ist heiß und sonnig. Der Koffer ist gepackt. Ich habe mich von allen verabschiedet. Das Zimmer ist aufgeräumt. Es gibt nichts mehr zu tun. Kolumbien ist abgeschlossen. Entspannt mache ich mich auf den Weg zum Friseursalon an der Ecke, um mich einmal in meinem Leben richtig verwöhnen zu lassen. Nach dem Rundumprogramm fühlen sich Haare, Hände und Füße angenehm weich und leicht an. Ich verspüre eine freudige Ruhe nach all den schönen Erfahrungen der letzten Wochen, Monate und Tage, die mir keiner nehmen kann, die ich mitnehme auf meinen Flug zurück in die Heimat, in der ich einen neuen Lebensabschnitt beginnen werde.

Und doch kommen mir erneut die Tränen, als ich im Flugzeug sitze und die grünen Berge Kolumbiens in immer tieferer Ferne verschwinden, während ein sympathischer Kolumbianer neben mir vom Heimweh spricht, welches ihn in Madrid ständig begleite. Wie sehr ich ihn verstehen kann! Wie sehr ich schon jetzt Kolumbien vermisse – die Musik, das Chaos, die Energie, die Fröhlichkeit, das sommerliche Klima! Wie sehr der Abschied schmerzt!
Das hatte ich nicht erwartet. Viele Abschiede verzeichnen sich in meinem Lebenslauf, aber keiner war so intensiv und schmerzhaft wie dieser. Fünf Tage hat er gedauert und immer wieder Tränenausbrüche hervorgerufen. Gleichzeitig war es der schönste Abschied, den ich mir erträumen konnte, geprägt von unglaublicher Dankbarkeit, Herzlichkeit und Liebe.
Am Donnerstag habe ich mich von der Escuela de la Trinidad verabschiedet, am Freitag von meinen Fundarboledas-Schülern und der Junta, am Samstag habe ich das letzte Orchesterkonzert mitgespielt, am Sonntag war ich ein letztes Mal bei der Probe und anschließend bei der Familie einer Schülerin zum Essen eingeladen und am Montag habe ich mich von meiner besten kolumbianischen Freundin und ihrer Familie verabschiedet und wurde von der Direktorin von Notas de Paz zum Essen eingeladen.
Besonders schön waren der Freitag und der Sonntag.
Am Freitag haben die Kinder die beiden Theaterstücke aufgeführt, die ich mit ihnen einstudiert hatte. Anschließend haben die Kinder der Tanz-AG traditionelle kolumbianische Tänze vorgeführt, alle haben „Un amigo es la luz“ (Enanitos verdes) und „cuando un amigo se va“ (Alberto Cortez), zwei wunderschöne, passende Abschieds- und Freundschaftslieder für mich gesungen, dann sang eine Schülerin ein Solo, Juan David hat eine Danksagung auf Deutsch vorgetragen und eine Mutter hat mir im Namen der ganzen (Schul-)gemeinschaft eine Danksagung überreicht.
Neben den Kindern und Lehrern waren einige Eltern, Gäste und Mitglieder von Fundarboledas anwesend. Vielen standen in diesen Minuten Tränen in den Augen, besonders betroffen wirkten die Theaterkinder. Später war ich mit den Kindern alleine, habe ihnen die Abschiedskarten überreicht, die ich für jeden geschrieben hatte und ihre Abschiedsgeschenke empfangen. Dann gab es für alle Obstsalat mit Eis.
Der Sonntag war für mich wichtig, weil er einen positiven Abschied vom Orchester darstellte. Eigentlich wollte ich am Samstag das letzte Mal zur Probe gehen. Aber am Samstag habe ich während der Probe völlig die Fassung verloren, so dass ich nicht mehr weiterspielen konnte. Das sollte nicht die letzte Erinnerung sein, die ich den Kindern hinterlasse. Ich wollte ihnen doch Hoffnung vermitteln und Zuversicht  für eine bessere Zukunft. So nahm ich abends ein irisches Volkslied, dessen Noten mit Gitarrengriffen versehen waren und versah es mit Begleitstimmen für Cello, Bass und Viola. Am nächsten Morgen erbat ich mir fünfzehn Minuten der Probe, um einen letzten Wunsch auszusprechen: Kammermusik spielen. Dieses Element hatte mir das ganze Jahr über gefehlt. Die Kinder lernen nach den Suzuki-Lehrbüchern, werden zu den Proben diktiert und bereiten Konzerte vor, deren Programm andere für sie aussuchen. Sie präsentieren die Musik. Nie habe ich das gesehen, was in Deutschland ein so wichtiger Punkt der Orchestergemeinschaft war, dass man aus eigenem Antrieb gemeinsame Aktivitäten organisierte und sich zusammen fand, einfach, um für sich selbst gemeinsam zu musizieren, aus Freude an der Kommunikation.
An diesem letzten Sonntag haben wir zusammen gespielt. Es war auch in sofern ein besonderer Moment in meinem Leben, weil es das erste Mal war, dass ich von mir aus ein Ensemble zu leiten versucht habe. Und es war wunderschön. Die Botschaft kam an.
Mit meinem Wunsch habe ich den Kindern die Noten überlassen. Bei meiner nächsten Reise nach Kolumbien werde ich feststellen, inwiefern mein Abschied in Erinnerung geblieben ist…
Das Schwerste in diesen letzten Tagen waren die vielen kleinen, plötzlichen Gesten, die Menschen, die zwischen Tür und Angel vorbeischauten, um sich zu verabschieden: hier ein Strauß Rosen, dort ein Schokoriegel, ein Armbändchen, ein Kuscheltier oder eine liebe Karte. Auf diese Situationen war ich nicht vorbereitet und so kamen mir immer wieder die Tränen – der freudigen Überraschung einerseits und des Abschieds von all diesen Menschen andererseits.

Doch wie kommt es zu so einem Abschied? Was geschah davor? Noch steht der Bericht der letzten drei Monate aus.
Sie endeten nicht nur mit einem großen Abschied, sie begannen mit einem. Ende Juni verabschiedeten wir bei Fundarboledas Edinson Alexis Moreno, den Geigenlehrer und das Herz der Fundacion. Dieses Ereignis war mindestens so aufregend, bewegend und warm, wie mein Abschied. Edinson ist durch Fundarboledas groß geworden. Insgeheim war er der Auslöser für die Gründung der Fundacion, als Liliana Arboleda vor etwa zehn Jahren das ungewöhnliche Talent des kleinen Jungen aus dem sozialen Brennpunkt-Viertel Siloé entdeckte. Sie gab ihm kostenlos Geigenunterricht und die Entwicklung war unglaublich. Doch ohne Liliana wäre Edinson nie dazu gekommen Geige zu spielen. Die Erkenntnis darüber, dass es womöglich talentierte Musiker unter den Kindern Calis gibt, die nie zu solchen werden, lediglich weil ihre Eltern keine Möglichkeit haben, ihr Talent zu fördern, führten zur Gründung der Fundacion Arboledas.
Die Investition lohnte sich. Wer Edinson heute spielen hört und sieht, kann ihn sich nicht ohne Geige vorstellen. Wir haben ihn verabschiedet, weil er ein Stipendium gewonnen hat, um in den USA Geige zu studieren.
Dieses Stipendium ist eine Sensation, wenn man Edinsons Herkunft und Ausgangssituation betrachtet, eine Sensation für Kolumbien überhaupt. Er ist der ganze Stolz der Fundacion, das große Vorbild der Kinder und eine wichtige Hoffnungsquelle für die Menschen in seiner Umgebung.
Aber all das hat er sich hart erkämpft durch stundenlanges tägliches Üben und Fahrradfahrten durch die halbe Stadt, um trotz mangelnden Fahrtgeldes zum Unterricht kommen zu können. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr hat er neben der Schule und später neben seinem Violinstudium am Konservatorium der schönen Künste in Cali Geigenunterricht gegeben; bei Fundarboledas und in der Fundacion Sidoc in Siloé. Mehr als hundert Schüler unterrichtete er mit seinen 22 Jahren zuletzt. Mehr als hundert Kinder hat er durch seine Persönlichkeit inspiriert und von mehr als hundert Kindern musste er sich im vergangenen Sommer verabschieden.
Zu diesem Anlass gab es mehrere Konzerte, bei denen er zum Teil selbst spielte und zum Teil seine Schüler ihre Errungenschaften teilten, bei denen aber vor allem die Kolumbianer mal wieder ihr ausgeprägtes Talent der Improvisation, des „aus Wenigem Viel machen“ präsentierten.
In Reih und Glied standen die Kinder. Aufmerksam, bedacht darauf, ihr Bestes zu geben, dem geliebten Lehrer ihre Dankbarkeit auszudrücken, ihn für sein Werk zu würdigen. Da es nicht genug Violinen gab, um alle Kinder gleichzeitig spielen zu lassen, hörten wir einige Stücke mehrmals während die Geigen von Hand zu Hand
wanderten. All das fand in der bedrückenden Enge unserer Dachterrasse statt, die wohl kaum für 400 Menschen ausgelegt ist. Aber wo ein Wille ist, ist ein Weg und so saßen die Kinder dicht gedrängt auf dem Boden, um dieses Ereignis trotzt Platzmangels zu erleben.
Einige Tage zuvor gab es einen kleinen Abschied Edinsons vom Orchester. Wir sprachen über die Einstellung, die Edinson an den Punkt gebracht hat, an dem er heute steht, seine Motive der Disziplin, des Durchhaltens, des Träumens und der Liebe. Zur Erinnerung daran bekamen wir alle ein kleines goldenes Sternchen von Edinson überreicht. Und zum Abschluss sangen wir „Hör nie auf zu träumen“.
Von mir verabschiedete er sich bei unserem letzten Treffen mit den Worten: „Danke, dass Du Dich in die Kinder verliebt hast. Ich hoffe, dass Du sie nie vergisst und ihnen immer helfen wirst, denn Du kannst ihnen wahrscheinlich noch besser helfen als ich… bitte, vergiss nie die Kinder. Denn ihnen müssen wir immer helfen.“.
Nachdem ich ein Jahr lang das Glück hatte, mit diesem Menschen zu arbeiten, bezweifle ich zwar, dass ich den Kindern besser helfen kann als er, aber dennoch fassen diese Worte das Wesentliche seiner Persönlichkeit zusammen, das, wofür ich ihn liebe und bewundere.
Mit diesem Abschied endete auch das Schuljahr. In den Ferien hatte ich während einer dreiwöchigen Reise durch Peru und Bolivien die Gelegenheit eine völlig andere Seite Lateinamerikas kennenzulernen, als ich sie in Kolumbien bisher erlebt hatte. Kaltes Klima und karge Vegetation des Hochgebirges, Wanderungen über Schneebedeckte Gipfel von 4500 m über dem Meeresspiegel mit einheimischen Menschen, die traditionelle Kleidung tragen und selbstgemachte Sandalen an den Füßen. Bequeme, zuverlässige Busfahrten und beeindruckende Panoramen: Wüste, bizarre Steinformationen, Wald und Steppe, hohe Berge, Schnee und Lagunen in den verschiedensten Farben, aber auch Palmen und tropische Pflanzen, schöne Kolonialstädte und hässliche Städte, in denen es kaum ein fertiges Haus gibt.
Fasziniert haben mich vor allem La Paz und die Silberminen von Potosí. Der rote Berg, mit den engen Schächten, mit dem Schwefel, den Sulfaten und Kristallen an den Wänden, in dem man kaum atmen kann, je tiefer man in ihn eindringt, vor der Hitze und den ganzen giftigen Gasen und in dem Jungen und Männer aller Altersklassen unter unmenschlichen Bedingungen schuften und sich mit Kokablättern im Mund und Wasserflaschen als einziger Stütze teilweise bis zu sechzehn Stunden aufhalten müssen.
Für den August waren eigentlich verstärkte Theaterproben vorgesehen, um die Stücke in verschiedenen Schulen aufführen zu können. Auch mit meinen Englisch- und Musikschülern hatte ich Abschlusspräsentationen vorbereitet. Leider bekam ich jedoch eine ziemlich heftige Bindehautentzündung, die mir zwei Wochen lang die Arbeit verbot. So konnten die Präsentationen nicht fertig gestellt werden und es blieb keine Zeit mehr für auswärtige Theateraufführungen. Dass der Abschluss dennoch sehr schön wurde, geht aus diesem Bericht bereits hervor.
In meinem letzten Bericht habe ich über die Bedeutung der Musik für die Kinder philosophiert. Heute möchte ich ein paar Worte über die Bedeutung des Schauspielens verlieren.
In Vielem ist es dem Musizieren ähnlich: das Auswendiglernen der Texte fordert Konzentration, Erinnerungsvermögen und Ausdauer, Geduld zu wiederholen und immer zu wiederholen. Die Geduld ist auch bei den gemeinsamen Proben gefragt, die ein sehr hohes Maß an Rücksichtnahme und Selbstverantwortung fordern, ebenso wie Mut und Sensibilität, um sich in die Rolle einzufühlen. Wie beim Musizieren in einem Orchester werden also vor allem wichtige Eigenschaften des Sozialverhaltens geschult.

Darüber hinaus verkörpert das Schauspielen jedoch einen wesentlichen Aspekt des Menschseins, der dem Musizieren im Orchester fehlt: die Individualität, die Bedeutung jedes Einzelnen in der Gruppe. In einem Orchester fällt es kaum auf, wenn eine Geige weniger spielt, die Musik funktioniert trotzdem. In einem Theaterensemble hingegen bedeutet das Fehlen eines Glieds das Aus der ganzen Gruppe, das Aus des Stücks.
Der Einzelne hat hier ein hohes Maß an Verantwortung für die Gruppe, aber auch eine große Bedeutung als Individuum. Damit drückt sich im Schauspiel das Urmenschliche aus.
Aus diesem Grund hat das Schauspielen etwas sehr Befriedigendes, Erfüllendes, Gemeinschafts- und Sinnstiftendes.
So wundert es mich wenig, dass ich mit meinem Theaterunterricht besonders erfolgreich war. Das Ausfallen desselben löste jedes Mal regelrechte Enttäuschung aus, die Kinder waren sehr viel motivierter als in anderem Unterricht und die Abschiedstränen gerade bei ihnen wurden wohl nicht nur durch meine Person, sondern auch durch das Bewusstsein über den bevorstehenden Verlust der Möglichkeit zu schauspielern ausgelöst.
Aus diesem Zusammenhang ergibt sich bereits mein Traumprojekt für meinen nächsten Kolumbienaufenthalt, den ich natürlich versprechen musste.
Ich wünschte, die Kinder hätten trotz meiner Abwesenheit eine Theater-AG. Sie hat ihnen gut getan und täte Kolumbien gut. Ich wünsche jedem Menschen die Erfahrung des Schauspielens, denn ich glaube, sie kann wesentlich dazu beitragen, ein guter Mensch zu werden.

Samstag, 30. Juli 2011

Bilder aus Peru und Bolivien

 Juli 2011

Machu Picchu

Das Alti-Plano
Llama oder Alpaca?







Titicaca-See
Die schwimmenden Inseln
Schilfboot




Juan und Juana
Das Mondtal verliert durch Erosion jedes Jahr 5 cm seiner Höhe...
Blick vom Chakaltaya, Bolivien, 5400m über NN







Im Einklang und Zusammenprall der Kulturen...


Dreiviertel-Bericht vom Juni 2011

‚Nanu, warum ist es denn so still?’, fragte ich mich eines Morgens, als ich in die Schule kam. ‚Es sitzt gar keiner an der Tür und die Putzsachen stehen im Gang.’ Don Orlandos Lächeln war mindestens ebenso verwundert wie mein Blick, als er mir an diesem Montag Morgen um 6:30 Uhr die Tür öffnete: „Wie – haben Sie Dir nicht gesagt, dass heute kein Unterricht ist?“. Nein, mir hatte keiner etwas gesagt. „Warum?“ „Ja, am Freitag war doch der Tag des Lehrers und da am Freitag Unterricht war, hat die Direktorin den Lehrern heute Schulfrei gegeben.“. Ach ja, wie nett von ihr. Und ich habe mich schon die ganze Zeit gewundert, warum die Kinder immer zu mir kommen und mich fragen, ob am Montag Unterricht ist. Natürlich sei Unterricht, warum sollte keiner sein. Montags ist immer Unterricht. Na dann muss ich zumindest Giselle und Paula anrufen und Ihnen wieder absagen.
In Kolumbien gibt es doch immer wieder Überraschungen! Don Orlando hingegen kann kaum glauben, dass wir in Deutschland schon im Juli den gesamten Ferienplan mit allen Feiertagen für das beginnende Schuljahr haben. So ein verrücktes Volk, die Deutschen!
Kein Wunder, dass einem solche Pläne unvorstellbar sind, wenn man daran gewöhnt ist, dass von einem Tag auf den anderen beschlossen wird, dass die Schule ausfällt, weil das Wasser abgestellt wird oder ein Feiertag war und Anfang Juni bekannt gegeben wird, dass im Juli Ferien sind. Und kein Wunder, dass die meisten Kolumbianer kein Geld zum Reisen haben, wenn sie ihre Reisen nicht frühzeitig planen können.
Aber da keiner Ferienpläne macht, ist es auch egal, wann die Termine bekannt gegeben werden. So stört sich niemand an der hiesigen Organisation. Der Alltag funktioniert reibungslos. Nur Julia steht um 5:00 Uhr auf, weil niemand ihr gesagt hat, dass der Unterricht ausfällt.
So ist das, wenn Kulturen aufeinander treffen. Ein Grund, sich zu ärgern? Ach wo, ich wusste ja, dass Kolumbien nicht so sein würde wie Deutschland. Jetzt bin ich immerhin früh aufgestanden und kann den Tag gut nutzen. Arbeit gibt es auch wenn kein Unterricht ist.
Mit diesem Wissen wird sich wohl keiner darüber wundern, dass meine Aufgaben nicht mehr die gleichen sind, wie vor drei Monaten. Unverändert unterrichte ich meine – nach einigen Umstrukturierungen jetzt nur noch 11 – Gruppen in Englisch und Musiktheorie, spiele im Orchester, leite meine Theatergruppe und gebe Juan David Deutschunterricht. Der Englischunterricht in der vierten und neunten Klasse musste jedoch inzwischen dem der sechsten, siebten und achten Klasse weichen und mein Stundenplan hat sich um wöchentlich einen Vormittag in Montebello erweitert. Dort gebe ich zwölf Kindern Geigenunterricht – theoretisch zumindest. Praktisch fand noch nicht viel Unterricht statt. Man muss nämlich wissen, dass die Schule in Montebello noch viel „un“-organisierter ist, als die in Bellavista. Außerdem gibt es in Kolumbien ja immer Überraschungen. So vielen in Montebello vier von sieben Vormittagen aus. Einmal war die ganze Schule in eine Pizza-Backaktivität verwickelt, zweimal fiel aufgrund von Todesfällen die Schule aus und einmal gab es keine Geigen, da diese aus Sicherheitsgründen vor Ferienbeginn nach Cali zurückgeholt wurden. Und jetzt ist bis August Pause, weil erst die Schule in Montebello Ferien hat und dann ich. Es muss also ein kleines Wunder geschehen, damit ich den Kindern noch ihr erstes Lied beibringen kann, bevor ich im September wieder nach Deutschland fliege.
Doch schon die wenigen Male, die ich in Montebello war, haben mich spüren lassen, dass die Situation der dortigen Kinder zu einem völlig anderen Kaliber gehört, als die der Kinder in Bellavista. In Bellavista arbeite ich mit Kindern, die zwar nicht aus reichen Familien kommen, aber zumindest Eltern haben, die sich um sie kümmern. Es sind Stadtkinder aus einem Viertel mit halbwegs befestigten Straßen, Mio (der moderne Stadtbus Calis), relativ sauberem Wasser, Strom und Internet. Diese Kinder kommen in sauberer Uniform in die Schule und funktionieren wie kleine Roboter. Das ist manchmal schon beängstigend zu sehen, wenn 200 Kinder bei der Morgen- bzw. Mittagsversammlung mäuschenstill sitzen und anschließend in geordneten Reihen in ihre Klassenräume gehen, ohne dass auch nur einer aus der Reihe tanzt und auf der linken Seite die Treppe hinunter geht. Und dass sie dort still weiterarbeiten, wenn der Lehrer den Raum verlässt.
Einerseits ist das ein Zeichen vorhandener Struktur, andererseits für Unfreiheit. Die Klassen sind groß, das Personal gering, der Raum unglaublich eng. Alles ist betoniert. Die Räume sind nur halb geschlossen. Von überall dringt Straßenlärm ein. Der Alltag der Kinder ist von morgens bis abends durch Schule, Musikstunden und meinen Unterricht gefüllt. Hier müssen die Kinder funktionieren, damit ein friedliches Miteinander-Leben möglich ist.
Die Schule in Montebello befindet sich in unbefestigtem Gelände. An heißen Tagen ist die Straße staubig, nach Regenfällen verwandelt sie sich in eine Schlammpiste. Sie ist mit Müll gepflastert. Die Flüssigkeit, die mit etwas Glück aus den Wasserhähnen rinnt wechselt ebenfalls gelegentlich die Farbe. Strom gibt es normalerweise, Internet nicht, der öffentliche Verkehr besteht aus klapprigen Jeeps und Kleinbussen. Die Menschen haben kaum Geld und zu viele Probleme, um sich um ihre Kinder zu kümmern.
So kommen die Kinder in schmuddeliger Kleidung, die teilweise viel zu klein oder zu groß ist, in die Schule. Dort sind sie von 7:00 Uhr bis 13:00 Uhr, wovon eine Stunde Frühstückspause und eine Stunde Mittagspause sind. In dieser Zeit können die Kinder auf dem schönen grünen Schulgelände toben und spielen. Allerdings nutzen sie diese Gelegenheit nicht nur in den Pausen, sondern verlassen auch während des Unterrichts nicht selten den Raum und haben dann ihre helle Freude daran, mit den Lehrern Fangen zu spielen – natürlich ungewollt von Seiten der Lehrer. Doch auch wenn sie im Raum bleiben, heißt das nicht zwingend, dass sie arbeiten.
Als während meines zweiten Besuchs die Lehrerin der zweiten Klasse sich einen Moment umdrehte, um etwas von der Tafel abzuwischen, fingen die Kinder an, Flaschendrehen zu spielen und herum zu knutschen. (Mit Knutschen sind wirkliche Zungenküsse gemeint.) Scheinbar ahmten sie die Eltern nach, denn als die Direktorin erschien, um den Kindern zu erklären, dass dies unsittsam und eine Sache verantwortungsbewusster Liebespaare sei, gab es großes Unverständnis und Protest. „Warum dürfen wir nicht, was die Großen dürfen?“, „Die machen noch ganz andere Sachen!“ und „Wir wollen ja gar nicht wissen, was Sie zu Hause mit Ihrem Ehemann machen, Frau Direktorin!“.
So etwas hätten sich die Zweitklässler in Bellavista nicht getraut.
Bei solchen Erlebnissen fragt man sich ernsthaft, aus was für Elternhäusern diese Kinder kommen. Die Antwort will man jedoch manchmal gar nicht mehr wissen, wenn man den Kindern ins Gesicht guckt und einem hinter einem fröhlich-kecken Lächeln traumatische, schockhafte Erfahrungen entgegenspringen. Und doch weiß man, dass es in den Familien teilweise Alkoholprobleme, gewaltsame und sexuelle Übergriffe gibt, dass manche Kinder zu Hause kein Essen bekommen und andere kein Zuhause haben.
Aber welche dieser Kinder brauchen die Musik dringender? Was bringt die Musik den Kindern?
Alle Kinder brauchen die Musik oder eine andere Form künstlerischer Beschäftigung.
Sie brauchen sie als Ausgleich zum Alltagsleben.
In Bellavista brauchen die Kinder Kreativität und neue geistige Perspektiven um durch möglichst vielfältige, freie geistige Entfaltung der räumlichen, körperlichen und sozialen Enge entgegen zu wirken.
In Montebello bietet die Kunst den Kindern Konzentration und Struktur zu erleben. Um ein Instrument zu spielen, braucht es Konzentration und Kontinuität und für das Zusammenspiel mit anderen Wachheit, Rücksichtnahme, Respekt und Verantwortungsbewusstsein.
Genau diese Eigenschaften fehlen den Kindern in Montebello. Sie haben sie nicht gelernt. Und Struktur ist nicht vorhanden. Das macht die Arbeit sehr schwer. Aber es bestärkt auch das Empfinden der Wichtigkeit künstlerischer Beschäftigung für diese Kinder.
Diese Erkenntnisse sind sehr motivierend für meine Arbeit, dafür, mich selber weiterhin künstlerisch zu Betätigen und vor allem die Arbeit von Fundarboledas zu unterstützen.
Ich bin sehr dankbar für all diese Erfahrungen. Viele der Erkenntnisse, die mir mein Freiwilligendienst in Kolumbien ermöglicht, hätte ich auf keine andere Weise gewinnen können.

Aktualisierende Anmerkungen vom Mai 2011



  1. Hat sich mein Aufgabenbereich im Projekt inzwischen schon wieder geändert. Da die neunten Klasse seit einiger Zeit eine amerikanische Englischlehrerin aus dem „Bolivar“ (der teuersten Privatschule Calis, nordamerikanisch, zweisprachig und in Partnerschaft zu meiner Schule stehend) hat, die sie einmal die Woche drei Stunden umsonst unterrichtet, haben wir entschieden, dass es sinnvoller sei, wenn ich in anderen Klassen im Englischunterricht helfe, die nicht das Glück einer ausgebildeten Englischlehrerin haben. Daher unterrichte ich jetzt nicht mehr in der neunten Klasse, dafür aber in der sechsten, siebten und achten Klasse. (Und wie immer in der vierten Klasse)
  2. Wird unsere Internetverbindung von Woche zu Woche schlechter, falls sie den überhaupt vorhanden ist. Dieses Wochenende habe ich zu Hause beispielsweise aus unerfindlichen Gründen mal wieder kein Internet. Diesen Bericht schicke ich von der Arbeit aus. Wenn Internet da ist, kann ich zwar meist Emails verfassen, aber die Verbindung ist zu schwach, um diese zu verschicken. Die Skype-Gespräche werden zunehmend anstrengender, weil man nichts versteht und die Verbindung abbricht. Facebook funktioniert meist noch am besten.
  3. Bin ich in den vergangenen Monaten viel gereist. Im März war ich mit meinem Vater zwei Wochen im Norden Kolumbiens. Das war sehr schön und interessant. Wir haben eine wunderschöne fünftägige Dschungel-Wanderung zu einer „verlorenen (Indianer-)Stadt“ gemacht, die alte Piratenstadt und Perle der Karibik Cartagena besucht und einige Tage auf einer einsamen Insel verbracht – mit Kentern in den Wellen des karibischen Meers, beim Versuch, diese im Kanu zu umrunden. Glücklicherweise waren gerade hilfsbereite kolumbianische Fischer in der Nähe, so das Kanu und Mannschaft heil wieder ans Ufer gelangt sind (paddelnd!). Bei einer anderen abenteuerlich-feuchten Bootsfahrt konnten wir feststellen, das der Verkehr zu Wasser hier nicht weniger aufregend ist, als der zu Land.Auf dem Rückweg nach Cali habe ich noch einige Tage in Medellin verbracht, wo ich nach der relativen Sicherheit des touristischen Nordens gleich wieder die Harte Seite Kolumbiens zu spüren bekommen habe. Es gab unheimliche Polizei- und Militärpräsens. Als ich mit einem Freund in der Uni war, wurden auf deren Hof plötzlich Sprengsätze gezündet und als wir an einer Straßenkreuzung standen, jagten auf einmal zwei Motorräder an uns vorbei und der eine Polizist auf dem hinteren Motorrad schoss auf die Insassen des vorderen Motorrads. Ich weiß nicht warum. Vielleicht handelte es sich um Diebe. Außerdem gab es in der Uni eine Veranstaltung über die Paramilitärs, weil diese in der Woche davor einen Studenten ermordet hatten.
Auch aus Medellin bin ich jedoch unbehelligt herausgekommen.
In der Osterwoche war ich dann mit sieben anderen Freiwilligen in Ecuador, habe den Äquator besucht und war erstmals auf der Südhalbkugel dieses Planeten. Es war eine sehr lustige Reise, besonders da ich keine Stimme hatte und so die ersten vier Tage geschwiegen habe wie ein Grab – was beim Feilschen sehr nützlich war. Die ecuadorianische Bevölkerung ist übrigens sehr viel indigener und in sich gekehrter als die Kolumbianer und das Klima kühler.

4.   Nimmt in letzter Zeit auch in Cali die Polizei- und Militärpräsens deutlich zu. Auch um unser Kloster und im anliegenden Park. Aber keiner sagt etwas dazu. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Manchmal würde ich sie gerne fragen, was sie hier machen, was denn los sei. Aber seitdem Jonas von einem Polizisten ausgeraubt wurde, traue ich ihnen nicht mehr. Außerdem sind es Männer, Kolumbianer, die in ihrer Langeweile so schon vorbeigehenden (blonden) Frauen hinterher zischen und denen man daher am liebsten aus dem Weg geht. Aber alle verhalten sich als sei diese Veränderung etwas völlig alltägliches und das Leben geht seinen gewohnten Gang. Insofern scheint es wohl es wohl keinen Grund für Sorgen zu geben.

Halbzeit in Cali - Nachtrag vom März 2011




Seit einem halben Jahr warte ich auf den Tag, an dem mir langweilig wird und langsam festigt sich
mein Eindruck, dass ich in dieser Beziehung ein hoffnungsloser Fall bin…
Im Grunde müsste man davon ausgehen, dass sich nach einem halben Jahr ein gewisser Alltagsrhythmus eingestellt hat, aber dieses Gefühl wird in regelmäßigen Abständen zu Nichte gemacht. Während die ersten drei Monate einem recht strukturierten Verlauf folgten, geprägt vom Eingewöhnen, Ausloten und kopfüber in die Arbeit stürzen, vom unterrichten, musizieren und konzertieren, lassen sich die vergangenen Wochen kaum auf einen aussagefähigen Nenner bringen. Sie begannen mit den vierwöchigen kolumbianischen Weihnachtsferien. So sah ich mich ab dem 15. Dezember, wie viele meiner Mitfreiwilligen gezwungen, mir Arbeit in einem anderen Projekt zu suchen.  Die schlechten Reisebedingungen aufgrund der heftigen Regenfälle und Überschwemmungen und der saisonbedingten hohen Preise hielten mich davon ab, mir Urlaub zu nehmen. Deshalb arbeitete ich mit einigen anderen Deutschen in Montebello. Da es dort kein Mittagessen gab und es die Zeit der „Feria de Cali“ war, mussten wir nur halbtags arbeiten. So bestanden unsere Vormittage darin, Müllbehälter aus Guadua zu zimmern oder die Plastikfolien in der Ziegelwerkstatt des Colegios de las aguas zu reinigen. Nachmittags und abends besuchte man Umzüge und Konzerte, traf Weihnachtsvorbereitungen oder ruhte sich aus. Nach dem Genuss eines Zuckerrohrsafts während einer Reitparade war die Hälfte der Klosterbelegschaft für zwei Wochen um die Jahreswende mit Magen-Darm-Problemen ans Bett beziehungsweise Bad gefesselt. Ich blieb von dieser Erfahrung verschont, aber Ricarda schleppt sich dafür bis heute mit regelmäßigen Bauchkrampf- und Kreislaufattacken herum. 
Irgendwann hielt ich das Plastikfolienschrubben jedoch nicht mehr aus und nahm mir drei Tage frei, um mit einigen anderen Freiwilligen den Süden Kolumbiens zu erforschen und den „Carneval de Blancos y Negros“ in Pasto zu erleben. Es wurde eine schmutzig-verrückte Erfahrung. Man schmierte sich mit schwarzer, weißer und schließlich bunter Farbe ein, veranstaltete Schaum- und Puderschlachten und feierte.
Dieser zweitwichtigste Carneval Kolumbiens gründet sich auf die Tradition eines Tages im Jahr, an dem die Sklaven frei hatten und ihre weißen Herren sich die Gesichter schwarz anmalten, um während der gemeinsamen Feierlichkeiten Gleichheit zu symbolisieren. Am folgenden Tag malten sich die Sklaven weiß an. Beendet wird der Carneval mit einem beeindruckenden Umzug von mehr als hundert fantasievoll verkleideten Tanzgruppen und Carnevalswagen.
Diese Entscheidung brachte uns die schönsten Reiseerfahrungen, die wir hätten haben können. Wir wurden nicht nur bekocht und verwöhnt (wenn wir morgens aufwachten, hatte die Oma heimlich unsere dreckigen Jacken und Pullover gewaschen!), wir lernten auch die Freunde der Familie kennen, mit denen wir die Carnevals-Veranstaltungen besuchten und machten gemeinsam mit Teilen der Familie unglaublich schöne Ausflüge und Wanderungen in der Umgebung von Pasto. Diese Ausflüge waren super entspannend und es entwickelten sich sehr interessante und vertraute Unterhaltungen.
Nach Cali zurückgekehrt empfand man dann die schlechte Luft und den Lärm der Großstadt umso deutlicher. Und ich sehnte mich nach dem Ende der Ferien. Ich vermisste die Arbeit mit den Kindern und meine Motivation hinsichtlich der Arbeit in Montebello war gleich Null.

Als ich am 16. Januar meine Arbeit wieder aufnahm, war auch sofort spürbar, dass ich die Kinder inzwischen besser kennen- und einschätzen gelernt habe und besser auf den Unterricht vorbereitet war. Zwar musste ich die ersten beiden Wochen fast täglich vor die versammelte Schule treten, die Kinder an den Unterricht und die verpflichtende Teilnahme erinnern und die „Schwänzer“ zur Ordnung rufen, doch dann füllten sich die Gruppen auch langsam wieder.
Allerdings ist die Teilnahme an meinem Unterricht immer noch sehr schwankend, was die Arbeit etwas erschwert. Auch kommen viele Kinder ohne Schreibmaterialien in den Unterricht, Hausaufgaben werden nur ernst genommen, wenn man Tests ankündigt und selbst dann von den wenigsten erledigt. Ich vermute jedoch, dass sich das in Zukunft bessert, da ich Noten geben werde und diese in die Schulnoten der Kinder mit einfließen.
Diese Veränderung verursacht bei mir sehr zwiespältige Gefühle. Einerseits beseitigt sie meine Unsicherheit über meine Stellung innerhalb der Institution: ich bin vollwertige Lehrerin. Es schließt sich der „missing link“ zwischen der Anweisung der Direktorin, dass mein Unterricht für die Kinder verpflichtend ist und der Frage danach, wie sich die Erfüllung oder Nichterfüllung der Pflicht auswirkt. Andererseits widerstrebt es mir völlig, mit Notendruck arbeiten zu müssen. Ich finde die Vorstellung schrecklich, dass die Kinder nur aus Angst vor schlechten Noten in meinen Unterricht kommen, dass sie nur für Noten lernen. Bin ich nicht in dem Sinne hier her gekommen, ihnen nicht Wissen, sondern Werte zu vermitteln, ihnen Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken und so Sicherheit zu geben? Welchen Wert vermittle ich durch Noten? Wie sollen sie in einem Angstzustand Liebe und Sicherheit erfahren?
Außerdem bin ich doch gar keine ausgebildete Lehrerin.
In dieser Hinsicht fallen mir die vielen Fähigkeiten, für die ich sonst so dankbar bin auf die Füße. Die Tatsache, dass ich motiviert bin, Geige spiele, grundlegende Musikkenntnisse habe und vor allem Englisch kann, überdeckt alle Schwächen und das Fehlen jeglicher pädagogischer Ausbildung. So kamen in den vergangenen Wochen eine nach der anderen die Lehrerinnen der Schule mit der Frage zu mir, ob ich ihnen nicht im Englischunterricht helfen könne (was darauf hinausläuft, dass ich ihn übernehme), als zu viele Anmeldungen für die neuen Geigenanfängergruppen aufkamen, wurde ich gefragt, ob ich nicht auch ein oder zwei Gruppen übernehmen könnte und nach dem Beschluss der Fundacion im Colegio de las aguas in Montebello einen neuen Zweig zu eröffnen, wurde ich gebeten, doch auch dort Musik- und Geigenunterricht zu geben. Außerdem kommen ständig Privatpersonen zu einem, die alle Englisch lernen wollen, aber kein Geld für Lehrer haben.
Das löst bei mir manchmal den Wunsch aus, mich zu zerteilen oder zu vervielfältigen. Auch wenn ich es gerne tun würde, übersteigt es mein Zeit- und Kraftlimit, allen zu helfen. Zusätzlich zu den je zwölf Stunden Englisch und Musiktheorie, die ich gebe, gebe ich jetzt je einmal in der Woche Englisch in der vierten und in der neunten Klasse, gebe einer Freundin Deutsch- und Englischunterricht, unterrichte einen Schüler aus der neunten Klasse, dessen Vater in Deutschland lebt, in Deutsch, mache eine Theaterstunde mit Kindern aus der vierten und fünften Klasse und werde im April zwei Geigengruppen und eine Stunde Musiktheorie wöchentlich in Montebello beginnen. Aber mehr geht dann wirklich nicht mehr.
Meine neuen Aufgaben machen mir jedoch auch sehr viel Spaß. So habe ich die Gelegenheit den Unterschied kennenzulernen zwischen dem Unterrichten von Kleingruppen und Klassen mit über vierzig Kindern. Und ich bin sehr erstaunt, wie gut es klappt. Nach dem, was ich von den anderen Freiwilligen, die in Schulen unterrichten gehört habe, hatte ich heilloses Chaos erwartet, aber die Kinder sind ganz brav und arbeiten super mit.
Und die Deutschstunden mit Juan David (dem Neuntklässler) sind rührende Erlebnisse. Er lebt seit zehn Jahren getrennt von seinem Vater und hofft darauf, ihn nach seinem Abitur in Deutschland besuchen zu können. Er hatte vorher schon ein paar Monate Deutsch und hat autodidaktisch gelernt und ist erstaunlich gut. Er ist hoch motiviert. In den Stunden mit ihm spüre ich ein so tiefes Verlangen, diese Sprache zu lernen, so viel Hoffnung und Herzblut, die sich damit verbinden – es ist zum Hinschmelzen.
Im Gegensatz zu den anderen Aktivitäten sind die Theaterstunden mein eigener Wunsch gewesen. Auf sie freue ich mich immer ganz besonders. Und auch die Kinder haben an ihnen sehr viel Freude.  Bisher haben wir meist vorbereitende Spiele und Übungen gemacht und die Kinder haben sich in Gruppen kleine Szenen ausgedacht und einander vorgeführt. Das gab mir die Möglichkeit, ihre Interessen herauszufinden, so dass ich jetzt nach einem geeigneten Stück suchen kann.
Ich bin auch sehr gespannt auf den Geigenunterricht in Montebello. Nach den Erzählungen der Freiwilligen die dort arbeiten, sind die Kinder im Colegio völlig anders und haben sehr viel mehr Schwierigkeiten als die Kinder, die ich bisher unterrichte. Liliana, die Geigenlehrerin auf deren Initiative hin Fundarboledas gegründet wurde, wird mich vorher noch in die Suzuki-Methode einweisen, mit der in der Fundacion gearbeitet wird und wird mit mir das Auswahlverfahren der Kinder machen. Und dann werde ich mein Glück versuchen…
Abgesehen von den unerledigten Hausaufgaben laufen die Englisch- und Musikstunden mit den Kindern, die kommen, weiterhin gut. Mit den Kleinen mache ich sehr viele Spiele zum Vokabel- und Notenlernen, mit den Mittleren bearbeite ich in Englisch Themen wie „Die Uhrzeiten“ oder „Nach dem Weg fragen“ und in Musiktheorie die Tonleitern und den Quintenzirkel. Mit den Großen wage ich mich an die Grammatik und bearbeite die Zeitformen (gar nicht so einfach, wenn man erstmal lernen muss, to be im Present Simple zu konjugieren) und in Musik steht gerade die Formenlehre an.
All dieser Unterricht ist geprägt von beiderseitiger Liebe, Freude und Herzlichkeit. Das zeigen die vielen Umarmungen, die Briefe, die mir die Kinder schreiben oder der Applaus und das „Danke“ am Ende einer Schulstunde. Bei diesen Gesten könnte ich manchmal weinen vor Freude. Es ist etwas völlig anderes als der starre Schulunterricht, der sonst an der Schule lebt. Und ich hoffe inständig, dass dies so bleiben möge.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Verkehr

Der Verkehr ist eines der aufregensten Themen hier in Kolumbien. Auf den Straßen Calis sieht man alles: vom Bonzenjeep bis zum Eisverkäufer auf dem Fahrrad und dem Eselskarren. Vor allem ist Cali übersäht von gelben Punkten, so dass man meinen könnte, die Stadt leide an Gelbsucht. Während in Metropolen wie London oder Madrid ein Taxi auf 1000 Einwohner kommt, kommt hier schon auf jeden hundertsten Caleño ein Taxi.

Die Taxis sind ein viel genutztes Verkehrsmittel. Sie sind bequem und günstig. Wenn man zu mehreren fährt und die Fahrt nicht zu lange dauert, ist es sogar billiger, mit dem Taxi zu fahren, als einen Bus zu nehmen. Die Fahrer der Golf-großen Gefährte nehmen bis zu sechs Personen mit. Und man kann mit den Taxifahrern handeln.
Manchmal entpuppen sich Taxifahrten jedoch als kleine Abendheuer, wenn das Taxi plötzlich auf halber Strecke stehen bleibt, der Taxifahrer sich in mörderischem Tempo durch den Verkehr schlängelt oder unter Drogen steht oder beides. Ein besonders freundlicher Taxifahrer begleitete Klaus eines Tages beim Einkaufen, um ihn anschließend wieder nach Hause zu fahren. Als sie ins Auto stiegen, fiel Klaus plötzlich auf, wie der Taxifahrer seine Beinprothese beim Einsteigen anheben musste…
Wenn ich mit dem Bus zur Arbeit fahre, bin ich immer wieder froh, nur 1,65 m groß zu sein. Für alle größeren Menschen besteht hierbei große Verbuckelungsgefahr. Die Höhe dieser Verkehrsmittel beträgt 1,70 m und selbst ich habe Schwierigkeiten, meine Beine in die engen Räume zwischen den Sitzen zu quetschen. Weniger Sorgen muss man sich über genügend Frischluft während der Fahrt machen, da die Busse gewöhnlich mit offener Tür fahren.

Anders als in Deutschland halten die Busse hier weder an festen Haltestellen noch gibt es Fahrpläne. Auch die Routen variieren hin und wieder. Dadurch ist das Busfahren relativ entspannt: man stellt sich einfach an die Straße und wartet bis der Bus kommt. Dann winkt man ihn heran und bezahlt 1500 $ (ca. 0,60 €) beim Fahrer. Man muss sich nie Gedanken über die Zeit machen, denn da es keinen Fahrplan gibt, kann man den Bus auch nicht verpassen.
Für Fahrten außerhalb der Stadt sollte man jedoch besser einen Jeep nehmen, da die Busse nicht an die dortigen Straßenverhältnisse angepasst sind, die Busfahrer sich dafür aber im Straßenverkehr beweisen wollen. So kommt es hier hin und wieder vor, dass ein Bus verkehrt herum im Straßengraben landet.

Die Jeeps wirken wie verbeulte Blechkisten mit zwei seitlichen Holzbänken auf der Ladefläche, überdacht von mit Plastik bespannten Eisenstangen. Nach hinten hin sind die Gefährte offen. Die Plastikplane ist oft geflickt, manchmal wirkt die Windschutzscheibe, als würde sie einem gleich in tausend Teilen entgegen springen. Die Fahrt kostet 1300 $ (0,50 €). So ein Jeep fasst alles, was sich hinein quetscht und was nicht hinein passt, hängt sich hinten dran. So werden schon mal um die zwanzig Personen transportiert. Wenn der Jeep randvoll ist, ist die Fahrt am gemütlichsten, da man bei den Schlaglöchern weniger hin und her geschleudert wird.

Die Straßen sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Wirklich hohes Tempo lassen jedoch die wenigsten zu: wenn es keine Schlaglöcher gibt, die den Verkehr bremsen, werden entsprechende Hubel eingebaut. Gerade im Hinblick auf diese Straßenverhältnisse und den Fahrstil der meisten Kolumbianer ist es ein Wunder, was hier noch alles fährt. Die einzige Verkehrsregel, die es gibt, ist die des Rechts des Stärkeren. Schilder und Ampeln sind zwar vorhanden, werden aber scheinbar als Dekoration der öffentlichen Plätze betrachtet. Obwohl – Ampeln werden manchmal schon beachtet. Hier werden immer regelrechte Hupkonzerte eröffnet, sobald es grün wird, so als ob die Menschen Angst hätten, die Person im vordersten Auto könnte blind sein.
Es ist also alles etwas chaotisch, aber irgendwie funktioniert es doch. Ordnungsgewohnte Deutsche brauchen lediglich ein bisschen Mut und Vorsicht, um sich im kolumbianischen Straßengetümmel zurecht zu finden.

Freitag, 17. Dezember 2010

Menschenleben für zwanzig Euro

Im Grunde ist das Leben hier völlig normal. Man arbeitet, isst, schläft, tanzt, geht mit Freunden aus und lebt seinen Alltag. Doch wenn man deutschen Frieden gewohnt ist, stößt man im kolumbianischen Alltag gelegentlich auf.
So wollte Falk sich eines Nachts mit einem Freund treffen und bekam gegen 22.00 Uhr den Anruf, dass am verabredeten Treffpunkt zwei Menschen erschossen wurden. So viel die Party aus.
Eines Tages wurde Thomas in Montebello ausgeraubt. Als der gleiche Dieb zwei Wochen später eine alte Frau überfiel, wurde er mit einem Kumpanen erstochen. Das hatte zur Folge, dass Thomas eine Woche lang nicht in seinem Projekt in Montebello arbeiten konnte und alle anderen Deutschen nur in Gruppen oder in Polizeibegleitung dorthin fahren durften, weil das Gerücht umging, der Cousin des Erstochenen habe eine Morddrohung an uns alle gestellt. Inzwischen hat sich dieses Gerücht allerdings als falsch herausgestellt.
Jonas wurde schon zweimal ausgeraubt. Das eine Mal ca. 100 m von unserer Unterkunft entfernt, das zweite Mal von einem Polizisten in Siloé.
Letzte Woche wurde sein Projekt außerdem von Jugendlichen mit Schlamm angegriffen. Das klingt sehr kurios, war aber wohl eine ernsthafte Bedrohung.
Ich selber habe mich einmal gewundert, dass meine Direktorin und die Lehrerinnen während einer Orchesterprobe am Geländer der Dachterrasse standen und auf die Straße blickten. Als nach der Probe auch die Kinder zu Ihnen gingen, wollte ich nachsehen, was es gab. Ich sah fünf Busse und eine Menge Leute. Als ich eines der Kinder fragte, was sie hier täten, sagte mir der Junge, dass sie hier seien, weil ein 15-jähriger Junge umgebracht worden sei. Es erschien mir etwas merkwürdig, dass ein solches Ereignis solch eine Touristenattraktion sein sollte und so fragte ich den Geigenlehrer noch einmal. Dieser bestätigte mir die Aussage. Er erläuterte mir, dass es sich um Beerdigungsgäste handle, weil zwei Tage zuvor zwei Straßen weiter ein Junge umgebracht worden sei. Er sei unschuldig gewesen, die Mörder hätten sich leider geirrt. Das geschehe hier oft.
Ich muss wohl etwas ernst geguckt haben, jedenfalls fragte er mich eine Minute später scherzend: „Julia, what’s up?“. Mir blieb die Antwort im Hals stecken.
Aber was für mich grausam und ungewöhnlich ist, gehört hier zum Alltag. Es ist normal. Man muss damit leben. Auftragsmörder gibt es hier an jeder Straßenecke und ab 20 €. Und wenn sie sich mal irren, ist das schade, aber man kann nichts dagegen machen. So ist das Leben. Amen.